#CampQ2021
Nachhaltigkeit

Mit Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit in Unternehmen

Daten sind das neue Gold! Daten (sollten) der Allgemeinheit gehören!

Goldgräberstimmung auf der einen, der Ruf nach gesellschaftlicher Verantwortung auf der anderen Seite. Wie schaffen wir es, den nächsten sich aufbauenden Zielkonflikt für Unternehmen: digital vs. nachhaltig zu einem Prozess der digitalen Transformation für nachhaltigere Entwicklung zu formen? Wie gehen Unternehmen mit dieser Herausforderung derzeit um?

 

Zum besseren Verständnis wagen wir ein Gedankenexperiment: Sie stellen sich vor, Sie sind Vorstand in einem großen Handelsunternehmen. Das Unternehmen ist wirtschaftlich gesund. Der stationäre Handel lief – zumindest vor der Covid-19-Pandemie – sehr gut. Der E-Commerce boomt. Nun gibt es ein Angebot, das Sie mittels Übernahme eines digitalen Start-ups in den Bereich der „Echtzeit“ Lieferanten katapultieren würde. Viel schneller als alle anderen könnten Sie die Ware zum Kunden befördern. Rechnerisch könnten sie enorme Vorteile gegenüber den Marktbewerbern bieten, indem Sie individuelle Kundenbedürfnisse wirklich sofort befriedigen können. Eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte?

Während Sie die Übernahme vorbereiten, meldet sich die Head of Investor Relations. Es gibt ein paar Rückfragen zu den CO²-Emissionen Ihres Unternehmens eines größeren Kreditgebers. Sie rufen den Head of Sustainability zu dem Gespräch dazu. In dem Gespräch kommen Sie auch auf das neue „Echtzeit“ Liefermodell zu sprechen. Ihr Head of Sustainablility warnt. Durch den Anspruch der maximal schnellen Lieferung kann die optimale Routenführung nicht mehr gewährleistet sein und die Anzahl der Fahrzeuge, die zur Auslieferung eingesetzt werden müssen, würde zunehmen. Folglich würden die CO²-Emissionen im nächsten Geschäftsjahr steigen. Weiterhin wäre der Personaleinsatz schwieriger zu planen, wenn sofort „on-demand“ reagiert werden müsste. Was angesichts der bereits angespannten Beschäftigungsbedingungen in den Logistikzentren und bei der Auslieferung problematisch werden könnte. Die Head of Investor Relations weist auf die steigenden Anforderungen der EU hin, und dass die Banken in naher Zukunft mehr und intensivere Informationen zur Nachhaltigkeitsperformance bei der Kreditvergabe abfragen müssen.

Wie entscheiden Sie? Stimmen Sie ein ins Höher, Schneller, Weiter und verfolgen weiter die Übernahme des digitalen Start-Ups oder gibt es noch einen anderen Weg, der Sie innovativer und gleichzeitig mindestens so nachhaltig wie bisher halten würde?

Die digitale Transformation lockt mit Aussichten auf Gewinn

Zugegeben, diese Situation ist stark reduziert und überzeichnet, dennoch nicht völlig abwegig. Es sind Zielkonflikte wie dieser, die eine ethische Betrachtung des digitalen Wandels im Kontext der Nachhaltigkeit von Unternehmen notwendig macht. Viele Unternehmen stehen derzeit vor ähnlichen Situationen. Die digitale Transformation lockt mit Aussichten auf Gewinn. Der Einsatz von Big Data und Künstlicher Intelligenz versprechen Marktvorteile, sinkende Kosten, ein innovatives Ansehen, die Befriedigung individualisierter Kundenbedürfnisse und maximale Effizienz. Nachhaltigkeit ist zwar verbunden mit hoher Lebensqualität, aber auch immer ein wenig mit weniger angenehmen Attributen, wie Verzicht und Abwägen von Zielkonflikten Ökologie vs. Ökonomie und im Unternehmenskontext zunehmender Bürokratie. Kommen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammen, so steigt die Gefahr zunehmender Abstraktion. Natürliche Lebensräume und zwischenmenschliche Begegnungen werden indirekter erlebt. Das mindert die Verbundenheit.

„Wir sollten im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung die Digitalisierung so gestalten, dass wir die Natur und den Kontakt zu anderen Menschen soweit wie möglich erlebbar machen.“
Prof. Dr. Marcel Hunecke

Es ist offensichtlich, nachhaltige Entwicklung im und durch Unternehmen zum Wohle der Gesellschaft zu gestalten ist keine leichte Fingerübung. Kommt dazu auch noch der Druck, die betriebliche digitale Transformation auszubauen und beides bestenfalls so zu gestalten, dass die digitale Transformation auf nachhaltige Entwicklung einzahlt, wird es kniffelig.

Wie gehen Unternehmen mit der Herausforderung um, verantwortungsvolle digitale Transformation in ihr Geschäft zu integrieren?

Vorweg: Der „natürliche Ansprechpartner“, weil bereits etablierte Schnittstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft, die Corporate Responsibility Abteilung, spielt nur selten eine tragende Rolle.

Digital Ethik/Advisory Boards – Neue Gremien für neue Fragen

Ausgangspunkt für das Interesse an digitaler Verantwortung im Unternehmen ist oft ein Schadensfall. So, wie bei Comspace aus Bielefeld:

„Wir hatten einen Bitcoinminer auf einem der Peripheriesysteme entdeckt!“, so Miriam Reichelt, Referentin Corporate Digital Responsibility & Datenschutz bei comspace GmbH & Co. KG.

Von solchen (in diesem Fall zum Glück vermeintlichen) Datenpannen ausgehend entwickelt sich die Öffnung der Perspektive auf die vielfältigen Dimensionen digitaler Unternehmensverantwortung: Datenschutz- und Sicherheit, Einsatz und Gestaltung von Künstlicher Intelligenz, Zukunft der Arbeit sowie Ehrlichkeit im Markt. Auch eine grundsätzlich intensive Auseinandersetzung mit den Unternehmenswerten kann Anlass zur Auseinandersetzung mit den Unternehmenswerten innerhalb der digitalen Transformation bieten, wie im Beispiel WELEDA. Oder Veränderungen in Gesellschaft und Branche bieten Anlass zur dezidierten Auseinandersetzung, wie im Gesundheitssektor die BARMER zeigt.

Die wichtigste Ressource, die ein Unternehmen in den Diskurs einbringen kann, sind die Mitarbeiter:innen. Denn wie so oft, ist jede:r Einzelne entscheidend, wenn es darum geht, Werte geleitete Entscheidungen zu treffen. Aktuell mangelt es an einem ganzheitlichen verbindlichen Rahmen, aus dem digital verantwortungsvolle Entscheidungen abgeleitet werden können. Das Spielfeld ist noch nicht abgesteckt. Zahlreiche Unternehmen richten derzeit digital Ethik / Advisory Boards ein, siehe SAP, MERCK, Telekom. Die oft hochkarätige Besetzung dieser Beratungsgremien mit mehrheitlich renommierten Wissenschaftlern zeigt auch, wie viel Bewegung noch in dem Spielfeld für digital verantwortungsvolles Handeln von Unternehmen ist.

Die Arbeitsweise der einzelnen Gremien kann dabei sehr unterschiedlich aufgestellt sein von der Entwicklung präventiver Maßnahmen zur Risikoabwehr, freiwilligen Selbstverpflichtungen in Form von „Code of Conducts“ über die Konsultation bei anstehenden Geschäftsentscheidungen ab einem festgesetzten Volumen – so wie in dem hier eingangs konstruierten Gedankenexperiment – hin zu reaktiven Gremien der ex-post Betrachtung. Einen analytisch vergleichenden Blick wirft Cornelia Diethelm in diesem Beitrag auf fünf ausgewählte Gremien für digital Ethik: Ethik-Boards – ein starkes Signal nach Innen und Außen.

Neue Gremien zur Beratung über digital verantwortungsvolles Agieren eines Unternehmens, sind ein erster Schritt. Die Formalisierung und damit Herstellung einer allgemein gültigen Verbindlichkeit darüber, was die Gesellschaft von Unternehmen in einem ausgewählten Handlungsfeld erwarten kann, ist ein möglicher nächster Schritt. Hier lohnt sich die Beobachtung der Umgebung, in der Unternehmertum stattfindet und der Blick auf den Status Quo des zumindest begrifflichen Schwesterthemas Corporate Responsibility.

Digitale Corporate Responsibility Kennzahlen sind noch nicht in den Kinderschuhen angekommen

Environment, Social und Governance – ESG: Der Begriff ist international in Unternehmen als auch in der Finanzwelt etabliert. Er steht dafür, ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis sowie bei Firmenanalysen von Finanzdienstleistern ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet beziehungsweise bewertet werden. Die Ethos Stiftung stellt heraus, dass die digitale Unternehmensverantwortung ein wichtiges Element von verantwortungsbewussten Investitionen und Analysen im Bereich Umwelt, Soziales und Governance (ESG) werden muss. Erste Vorschläge, wie digitale ESG Indikatoren aussehen könnten, entstehen gegenwärtig in der Wissenschaft. Nachhaltigkeitsleistungen in der unternehmerischen Praxis werden bisweilen durch die fünf wesentlichen Anbieter von Kennzahlen, Strukturen und Plattformen  International Integrated Reporting Council (IIRC), Sustainability Accounting Standard Board (SASB), Global Reporting Initiative (GRI), Carbon Disclosure Project (CDP) und das Climate Disclosure Standards Board (CDSB) erfasst. Zwar planen die Akteure die Konsolidierung und gemeinschaftliche Weiterentwicklung ihrer Rahmensetzung und Indikatoren, die Verantwortung von Unternehmen im Digitalen zu erfassen, ist jedoch nicht priorisiert.

Da es eben diese Kennzahlen sind, die zum Ausdruck bringen, was (und was nicht) Gegenstand von Unternehmensnachhaltigkeit ist, muss das Versäumnis, digitale Verantwortung außen vorzulassen, abgewendet werden. Dann sind es eben jene Nachhaltigkeitskennzahlen, die in Zukunft bei Investitionsentscheidungen stärker gewichtet werden. Sprich: Soll ein digitaler Markt entstehen, der sich stärker durch Verantwortungsbewusstsein auszeichnet, wäre es klug, die Steuerungsmechanismen der Nachhaltigkeit mindestens zur Adaption in Betracht zu ziehen.

Camp Q 2021 – Praxis und Anstöße für digital nachhaltige Entwicklung in und durch Unternehmen

Im Rahmen des Camp Q in 2021 wollen wir nachhaltige Entwicklung in und durch Unternehmen als Ziel annehmen und uns fragen, inwiefern digitale Transformation helfen kann, diesen Weg besser zu beschreiten. Dabei soll nicht außer Acht gelassen werden, dass die digitale Transformation an sich eigene Nachhaltigkeitsherausforderungen mit sich bringt.

Daher wollen wir uns gemeinsam u. a. die folgenden Fragen stellen:

  • Welchen sozial-ökologischen Herausforderungen kann mittels digitaler Transformation besser als bisher begegnet werden?
  • Inwieweit können digitale Veränderungsprojekte in Unternehmen positive gesellschaftliche und ökologische Entwicklungen unterstützen?
  • Inwiefern greifen Unternehmen digitale Nachhaltigkeitsherausforderungen in ihrer Organisationsstruktur auf?
  • Was brauche ich an „Hilfsmitteln“ in meiner Rolle als Berater:in, um Unternehmen auf dem digital nachhaltigen Veränderungsweg zu begleiten?

Diese – und Ihre Fragen – werden gemeinsam interaktiv in einem Workshop beim Camp Q erarbeitet. Und zwar ohne, dass einem von den vielen digital Methoden schwindlig wird.

Gemeinsam mit Digitalem zu mehr Nachhaltigkeit!



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