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Das Zauberwort nachhaltiger Veränderungen heißt Verwandlung

Die Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, hat sich inzwischen überall herumgesprochen, nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Politik, sogar in der Verwaltung. Und versucht wird es ja nun auch ernsthaft in vielen Bereichen und auf unterschiedlichen Ebenen. Aber es klappt nicht so recht mit all den Veränderungen, die nun endlich in Gang gesetzt werden sollen. Woran liegt das?

 

 

Tausendmal probiert und tausendmal ist nichts passiert.

Dieses Lied können alle singen, die sich darum bemühen, die alten, eingefahrenen Muster in den Köpfen der Menschen und in den Strukturen einmal entstandener Organisationen zu verändern. Nicht nur ein wenig, sondern wirklich tiefgreifend und nachhaltig. Aber glücklicherweise kommt es ja häufig genug vor, dass etwas nicht so funktioniert, wie wir es gedacht und erwartet haben. Deshalb haben wir ja auch längst erkannt, woran das liegt: Unsere Erwartungen und das ihnen zugrundeliegende Denkmodell waren falsch. Wir hatten uns geirrt, waren also mit einer unzutreffenden Vorstellung ans Werk gegangen. Doch der Umstand, dass es so nicht ging, hat uns – nach der Überwindung gewisser Widerstände – letztlich auch immer wieder dabei geholfen, unsere alten Vorstellungen, unsere Denkmuster und die auf deren Grundlage geschaffenen Organisationsstrukturen in Frage zu stellen und neu zu ordnen.

Na wunderbar, es geht also doch!

Und die Hirnforscher haben offenbar recht mit ihrem Hinweis, dass unser menschliches Gehirn zeitlebens – auch grundlegend – veränderbar ist. Aber es funktioniert offenbar anders, als bisher angenommen. Wären wir außerstande oder würden wir uns weigern, die notorische und immanente Unzulänglichkeit unserer eigenen Denkansätze und der von uns verfolgten Vorstellungen in Frage zu stellen, könnten wir auch nicht aus unseren eigenen Fehlern lernen. Dann säßen wir wohl heute noch zusammen mit unseren äffischen Verwandten auf den Bäumen.

Die Natur lässt sich nur ändern, indem man sich ihr fügt.

Deshalb ist es durchaus lohnenswert, nach dem grundlegenden Denkfehler zu suchen, der all unsere sorgsam konzipierten Veränderungsprogramme – wenn wir ehrlich sind, letztlich doch immer wieder – scheitern lässt. Gefunden hat ihn Gregory Bateson schon im letzten Jahrhundert: „Die Natur lässt sich nur ändern, indem man sich ihr fügt.“ Vor ihm gab es sicher auch schon einige, die das ebenfalls erkannt hatten. Durch drücken und ziehen, bestrafen oder belohnen, verführen oder beherrschen, lässt sich zwar etwas erreichen, das wie eine Veränderung aussieht. Aber wenn der Druck nachlässt oder die Belohnung nicht mehr zieht, geht wieder alles genauso weiter wie zuvor.

Menschen sind keine Zirkuspferde.

Menschen sind gestaltende Subjekte, keine beliebig gestaltbaren Objekte. Sie können sich verändern, sogar sehr grundlegend, aber nur dann, wenn sie es auch selbst wollen. Und wer sein bisheriges Verhalten ändern will, wird das nur dann tun, wenn das, was ihn dann erwartet, seiner inneren Natur besser entspricht als das, was er bisher gemacht hat. Wenn er sich dadurch wieder lebendiger und glücklicher fühlt, als das bisher der Fall war. Wie aber findet jemand zu dem zurück, was seiner Natur besser entspricht, wo er sich endlich „in seinem Element“ erlebt? Wie kommt so jemand wieder mit all den lebendigen Anteilen und Bedürfnissen in Kontakt, die sie oder er bisher so tapfer unterdrückt hatte, um optimal zu funktionieren und möglichst erfolgreich zu sein?

Wir können wiederfinden, was wir verloren haben.

Moshe Feldenkrais hat das bereits in den fünfziger Jahren für das Wiederfinden natürlicher Bewegungsmuster beschrieben. Otto Scharmer nennt es in seiner U-Theorie „presencing“. Und in der Biologie heißt dieses Grundprinzip jeden Neuanfangs und damit jedes wieder in Gang kommenden Entfaltungsprozesses „Entdifferenzierung“. Eine Leberzelle lässt sich weder durch Drücken noch durch Ziehen in eine Lungenzelle verwandeln. Aber man kann ihr helfen, sich durch Entdifferenzierung in eine pluripotente Stammzelle zurückzuverwandeln. Und die kann anschließend unter dafür geeigneten Bedingungen, indem sie „ihrer Natur folgt“, zu einer Lungenzelle werden.

Und wir können uns verwandeln.

Was aber wäre dann das geeignete „Entdifferenzierungsverfahren“ für Menschen, um in ihnen den Wunsch zu wecken, sich und ihr bisheriges Leben grundsätzlich zu verändern? Sie müssten Gelegenheit bekommen, wieder mit ihren ursprünglich einmal ausgeprägten, dann aber zunehmend von ihnen und in sich selbst unterdrückten, abgespaltenen und verdrängten Anteilen und Bedürfnissen in Berührung zu kommen. Mit ihrer ursprünglich einmal vorhandenen Entdeckerfreude, zum Beispiel. Oder mit ihrer Gestaltungslust, mit ihrer Sinnlichkeit, ihrer Offenheit und ihrem Einfühlungsvermögen, auch mit ihrem Bedürfnis, sich um etwas zu kümmern und Verantwortung für etwas zu übernehmen. Was dann mit ihnen und in ihnen geschieht, wie sie fortan unterwegs sind, was sie dabei tun und vor allem lassen, ist allerdings etwas ganz anderes als das, was wir so leichthin „Veränderung“ nennen. Das ist eine Verwandlung. Verändern können wir Bauwerke und Maschinen, aber nichts, was lebendig ist. Denn alles, was lebt, kann sich nur selbst verändern, indem es sich verwandelt.



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