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Arbeit in der Zukunft: Roboterhand formt Faust

Arbeit in der Zukunft: Warum es so schwer ist darüber nachzudenken

Arbeit in der Zukunft – „Roboter aller Länder, vereinigt euch!“ Müssen Teile der bekannten Klassiker der Wirtschaftstheorie durch die Digitalisierung neu geschrieben werden? Gilt Karl Marx´ berühmter Ausruf zukünftig eher für die Ausbeutung unserer Maschinen? Selbst Adam Smith´s „Unsichtbare Hand“ bekäme angesichts von Roboterarmen eine neue, interessante Deutung… Alles eine Frage der Perspektive. Mit dem Camp Q wollen wir einen Blick auf mögliche „Zukünfte“ werfen. Denn nicht nur, dass manch´ angestaubte wirtschaftswissenschaftliche Theorie im Zuge der Digitalisierung mit einem Mal eine Renaissance erlebt – der techno- logische Wandel mit all´ seinen Folgen für unsere noch existierende Arbeitswelt und die Unternehmen verlangt auch eine neue Nachdenklichkeit über die Bedeutung von Arbeit, Werten und Führung.

Editorial von Martin Spilker,

Director Kompetenzzentrum Führung und Unternehmenskultur

 

Berichte über die Zukunft der Arbeit sind ubiquitär, fast schon beliebig. Allerdings schwebt über diesem Thema ein imaginäres Damoklesschwert: Ist die Zukunft der Menschheit tatsächlich mit Arbeit verbunden, so wie wir sie kennen? Oder vielmehr: Ist es denn das Ziel der Menschheit zu arbeiten? Betrachtet man die Ideen der Technologen im Bereich der Künstlichen Intelligenz oder blickt man zurück auf Gedanken von Keynes oder noch weiter auf Marx, dann kommt man zu dem Schluss, dass dem nicht so sein muss.

Science-Fiction berät Politik?

Zumindest nicht Arbeit in unserem heutigen Verständnis: Fremdbestimmt und für die allermeisten Menschen nicht wirklich befriedigend. Die Menschheit, so der Roboterwissenschaftler Hans Moravec mit einem Augenzwinkern, muss sich ihre Humanität woanders suchen. Wenn dem so ist, dann müsste man also diese Szenarien verstehen, diskutieren, verwerfen, verändern und die Zwischenschritte dorthin designen, wenn dies geht. Diese Szenarien sind aber offenkundig noch nicht Teil eines Diskurses in Wissenschaft und Politik, eher noch in der Literaturgattung der Science-Fiction zu finden, die vielleicht aus diesem Grund nun ehrbar und immer öfter in den wissenschaftlichen Diskurs reintegriert wird.

Wie dem auch sei, beschleicht einem immer stärker das Gefühl, dass es mit agilem Management und Grundeinkommen allein wohl nicht getan sein wird. Und jenseits einer solchen aufkommenden, noch holzschnittartigen Diskussion, greifen so auch diffuse Ängste um sich, wie stets, wenn Dinge zwar leidlich unklar sind, aber jeder ahnt, dass der gegenwärtige Zustand kurz vor der Kippe steht. Man könnte sogar das Aufkommen von AFD, FPÖ und ähnlicher Gruppierungen als verkappte „No-Future“-Bewegungen begreifen, die mit Mauern vergeblich einen Zustand konservieren wollen, dessen Ende sich abzeichnet.

Betrachtet man die Zielsetzung der Technologieentwicklung und vor allem der Künstlichen Intelligenz / Artificial Intelligence und Robotik so wird klar, dass diese immer das Ziel hatten, Menschen zu ersetzen. Der Grund hierfür war historisch gesehen, die Sorgen vor dem potenziell widerständigen Individuum, das in der Phase nach dem 2. Weltkrieg auch in den USA begann, sich politisch zu organisieren.

Dies führte längerfristig zu einer stetigen Erhöhung der Inputkosten (Löhne!), bis zu dem Punkt, an dem der Kapitalismus für den Kapitalisten uninteressant wird, wie der Historiker Wallerstein süffisant anmerkte. Zwar gab es auch eine Denkschule, die Maschinen zu Unterstützern des Menschen erschaffen wollte (Intelligence Augmented = IA), letztendlich setzte sich aber die Sichtweise der Künstlichen Intelligenz durch (Artificial Intelligence = AI), die den Menschen substituieren will. Wenn es heute viele Anwendungen der IA gibt, dann liegt das daran, dass die AI noch nicht so weit ist (der Chauffeur fährt mit einem Navigationssystem so lange, bis das Auto selbst fahren kann).

Und überhaupt, wenn Unternehmen menschliche Entscheidungen zu einem Preis ersetzen können, der bei einem Drittel des eines chinesischen Wanderarbeiters liegt, dann ist klar, was passieren wird. Dieser Zustand wurde interessanterweise von Marx vorhergesehen. In einer kurzen Ausführung, auch das „Maschinenfragment“ genannt, räsonierte er merkwürdig aktuell darüber, dass der Wissensfortschritt der Gesellschaft, der General Intellect, irgendwann dazu führen wird, dass der Arbeitsaufwand für den Einzelnen zurückgeht.

Kapital wird dann in der Maschine akkumuliert, die die Arbeit ausführt. Das System der Maschinen – man muss hier unwillkürlich an das Industrie 4.0-Konzept denken – wird zum „Automaton“. Der Arbeiter in diesem Konstrukt hat mehr verfügbare Zeit und so das Potenzial, sich von der Arbeit zu emanzipieren. Im Prinzip. Marx sah natürlich die digitale Ökonomie mit ihren Technologien im Detail nicht voraus, erkannte aber, dass der fortschrittliche Kapitalismus, weniger kapitalistisch sein wird vgl. etwa Konzepte der Shared Economy, Open Educational Resources, Open Source Code, Peer-to-Peer-Produktion …).Zukunft der Arbeit CampQ Berlin

Cognitive Surplus – die gigantische Masse an Talent und Motivation

Allerdings – und hier wird es wirklich prophetisch – erkannte Marx, dass der Kapitalismus diesen „Auszug“ der Arbeiter nicht ohne weiteres erlauben wird. Mehrwert wird für Marx schließlich noch immer vom Menschen erzeugt. Und so kann man vielleicht die „Rückholaktionen“ von Unternehmen verstehen, die etwa die geflohenen „freien Produzenten“ (Peers) der Open Source-Bewegung wieder in die Wertschöpfung der Hierarchie integrieren wollen.

Über virtuelle Plattformen, Innovation Hubs und FabLabs werden die entlaufenen Programmierer und Designer zurückgeholt, deren Arbeit monetarisiert, wenn sie vorher unentgeltlich war. Der Cognitive Surplus – jene gigantische Masse an Talenten und Motivationen – die der Bildungssektor zwar erzeugte, die die arbeitsteilige Hierarchie aber nicht nutzte (selbst in Wikipedia floss bis jetzt auch nicht mehr Zeit, als US-Amerikaner an einem Wochenende mit Werbefernsehen konsumieren), muss wieder verwertbar gemacht werden. Und so machen heute große IT Firmen einen gewichtigen Teil ihres Umsatzes mit Beratungsleistungen zu Open Source-Produkten, die die Crowd unbezahlt entwickelt hat.

Der traditionelle Sektor sorgt also dafür, dass sich „der Arbeiter“ nicht selbst konstituieren kann: Eine Fahrergenossenschaft bekommt auf dem Kapitalmarkt kein Geld, Uber als AG schon. Ein weiteres Phänomen in diesem Kontext ist der insgesamt seltsam geringe Arbeitsplatzverlust durch die Automatisierung, der sogar die Hoffnung nährt, dass es auch diesmal nicht so schlimm wird und es nur zu einer Umverteilung von Jobs kommen wird, man also mit mehr Bildung die Sachen in den Griff bekommen kann.

Arbeit in der Zukunft: Kein Raum für Bullshit-Jobs?

Interessanterweise sind einige dieser Wachstumsberufe sogenannte Bullshits-Jobs, die meist nicht wertschöpfend sind (Firmenanwälte, Lobbyisten, Berater, Regulatoren …) und erstaunlicherweise besser bezahlt werden, als gesellschaftlich benötigte Jobs (Lehrer, Pfleger …). Der Namensgeber dieser Berufsgruppe konnte es sich nicht erklären, wieso eine auf Effizienz ausgerichtete Wirtschaft und Unternehmen hunderttausende derartiger Jobs schaffen konnten. Marx hätte hier eine Antwort: Das System verdient trotzdem Geld mit diesen Jobs, obwohl deren Gebrauchswert für die Gesellschaft gering ist und den Inhabern durchaus klar ist, dass sie Dinge tun, die unbefriedigend sind. Bullshit-Jobs haben zudem auch einen stabilisierenden Effekt, da viele kluge Leute ihre Zeit nicht dazu verwenden, neue, effektivere und befriedigendere Arbeit nachzugehen oder gar das System als solches zu verändern.

Man sollte also die Beharrungskräfte des Kapitalismus bzw. seinen Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, eigentlich artfremde Arbeit zu reintegrieren und zu monetarisieren, nicht unterschätzen. Warum aber dieses Bestreben, den Arbeiter unbedingt in der Fabrik zu halten, wenn es dort in der Zukunft nichts mehr zu tun gibt? Dies hat wohl auch mit Ängsten vor den sozialen Verschiebungen zu tun, die entstehen, wenn Menschen die Möglichkeit hätten, sich zu emanzipieren, zu einem autonomen Individuum im Sinne des Humboldt’schen Ideals zu werden.

Wenn, um mit Marx zu sprechen, also die Möglichkeit besteht, „heute dies und morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu betreiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Der geläufige Diskurs scheint solche Visionen nur schwer zu ertragen. Oder mit den Worten der früheren Arbeitsministerin Nahles formuliert, würde man denn nicht zwangsweise in die Situation kommen, „dass keiner mehr schlechte oder niedrig bezahlte Arbeit machen möchte“?

Dies soll nicht heißen, dass sich die großen Geister der Wirtschaftswissenschaft hierzu keine Gedanken machten. Maynard Keynes etwa stellte 1930 ausgerechnet im krisengeschüttelten Madrid, am Vorabend des Bürgerkrieges, seinen Aufsatz „Economic Possibilities for our Grandchildren“ vor.

Und wenig überraschend wendete er sich bei der Beantwortung der Frage, was wir in 100 Jahren tun werden, Themen, wie etwa Freizeit, Erziehung, Politik, Ethik und Kultur zu. Bereiche also, die nicht im Kern ökonomischer Diskurse liegen und dem spanischen Publikum der 30er Jahre seltsam erschienen haben müssen. Er machte nebenbei auch auf einen interessanten Aspekt aufmerksam: Wenn die Zukunft weniger mit Arbeit im klassischen Sinne zu tun hat, dann sind Ökonomen vielleicht auch nicht die richtigen, dieses Thema zu adressieren.

Roboter sichern das Überleben

Nun ist es allerdings nicht so, dass keine Ideen zu einer technisierten Gesellschaft existieren würden. Die Vision etwa von Hans Moravec, bereits im letzten Jahrtausend entwickelt, haben ihre Aktualität nicht verloren: Arbeit wird hier überwiegend in Roboterfabriken stattfinden, die auch von Robotern geleitet werden. Diese Robo-Bosse benötigen kein Gehalt und befinden sich im Wettbewerb mit anderen Roboterfabriken und -bossen. Ihr Ziel ist nicht Profitmaximierung, sondern das Überleben ihrer Fabrik.

Roboterfabriken zahlen Steuern in Communities, in denen sich Menschen zusammengefunden haben, die sehr ähnliche Leidenschaften und Interessen haben (Tribes). Moravec nennt hier die Schweiz mit ihren autonomen Kantonen und die reichen Golfländer als Vorbild: Dort würden heute schon asiatische Sklavenarbeiter als Robotersurrogat Leistungen erbringen, die es einer Bevölkerung ermöglicht, so zu leben, wie sie will. Mit einem Grundeinkommen ausgestattet, würden die Mitglieder der Tribes an Dingen arbeiten, die sie interessieren, beschäftigen sich aber auch mit Kultur, Politik, Religion und Freundschaften.

Die spannende Frage scheint zu sein, wie ein solches Szenario erreichbar wird: Wie kommen wir von den entstehenden globalen Plattform-Giganten zu solchen Tribes? Offenbar auch über die Emanzipation der Maschinen vom Menschen (Singularity). Indem die Maschinen autonomer werden, nichts für ihre Leistungen verlangen, kann sich auch der Mensch emanzipieren, wenn es ihm zuvor gelingt, diesen Maschinen eine ethische Programmierung mitzugeben.

Stephen Hawking war skeptisch

Muss dies so passieren? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Stephen Hawking war zum Schluss eher skeptisch geworden, ob es gelingen wird, gegen die Maschinenbesitzer eine Umverteilung des Reichtums durchzusetzen. Man erkennt wohl, wie wichtig es ist, die nächsten Schritte der Digitalisierung vom Ende her zu denken.



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