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Corona

Gibt es DIE Corona Zeit? Hier ist meine. (Teil 4)

„Wenn Krisen ehrlich machen …“ – es ist nicht nur der Titel unseres digitalen Camp Q – der Leadership-Konferenz für Querdenker am 16. Juni 2020. Wir als Team des Kompetenzzentrums haben es auch als Einladung an uns selbst verstanden, sich Gedanken zu unseren Gefühlen und Einschätzungen zur Coronakrise aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu machen. Entstanden ist ein Kaleidoskop aus fachlichen Betrachtungen und persönlichen, oft einfühlsamen Eindrücken. Denn, diese Krise hat viele Gesichter. Aber vor allem verbergen sich dahinter Menschen … Mit mehreren Blogbeiträgen möchten wir nicht zuletzt dazu einladen, sich mit eigenen Gedanken zu beteiligen.


 

Die Meldungen und Meinungen rund um diese Corona Zeit, die uns vermutlich auch noch in etlichen Jahren als Pandemie und Ausnahmezustand in Erinnerung bleibt, sind vielfältig. Was geht uns eigentlich gerade durch die Köpfe, was nehmen wir wahr und was wünschen oder befürchten wir? Und gibt es so etwas wie die eine Wahrnehmung dieser besonderen Zeit, oder ist sie nicht für jeden anders?

 

 

Leadership – nice to have?

Im Gespräch mit Beschäftigten, Führungskräften, HR Leitungen: Was ist eigentlich gerade wirklich wichtig? Was sind Eure Themen, womit beschäftigen sich Eure Leute?

  • Führung wird total wichtig!? Leadership is nice to have – aber jetzt geht es erst einmal darum, wie wir hier schnell Kurzarbeit einführen.
  • Mein Chef hat nach 4 Wochen noch nicht einmal gefragt, wie es mir geht, im Homeoffice, mit Schulkind, …
  • Wir wachsen als Team gerade noch mehr zusammen!
  • Unsere Routinen waren immer schon ein Armutszeugnis – das digitale Format verstärkt die Profilierungssucht der einen und hemmt die Stillen noch viel mehr.
  • Wir haben immer schon Wert auf eine gute Feedbackkultur gelegt – das zahlt sich jetzt richtig aus!
  • Ich hasse es, alles gleichzeitig tun zu müssen – die Arbeit erstreckt sich so über den ganzen Tag und es ist nie klar, wann wirklich mal Schluss ist.
  • Homeoffice – das ist doch gar kein richtiges arbeiten.
  • Jetzt wird deutlich, dass schlechte Führung in digitalen Zeiten nicht automatisch bessere Führung wird.
  • Ich mache im Homeoffice mehr Stunden als im Büro.
  • Ich kann es nicht abwarten, wieder ins Büro zu können.
  • Ich bin so froh, zu Hause arbeiten zu können.
  • Wir Frauen machen gerade jahrzehntelange Rückschritte – wo bleibt die Emanzipation? Mit Kindern im Haushalt im Homeoffice arbeiten – das gibt es nur in rosafarbenen Werbebildchen, auf denen ein süßer Säugling selig schlummert.

Homeoffice – für wen eigentlich?

Und überhaupt – dieser Begriff Homeoffice – die britische Hälfte, die mich auch ausmacht, wundert sich. Ich denke an all die Menschen, die noch nie in ihrem Leben in der Lage waren, ihren Beruf vom Küchentisch aus auszuführen: weil deren Arbeitsplatz anders aussieht, weil sie OPs putzen müssen, weil sie auf den Feldern gerade Spargel stechen, weil sie frühmorgens Brötchen backen, weil sie…… Ich teile es nicht, dass Corona alle trifft. Die Schere ist groß. Und Corona ein A.loch (Fluchen am Küchentisch kostet hier was).

Die Stimmen sind mindestens so vielfältig, wie die Menschen, die es betrifft. Denn: Kann man überhaupt von DEN Auswirkungen der Coronakrise sprechen? Von wem sprechen wir? Von welcher Bevölkerungsgruppe, welchem Geschlecht, welcher Religionszugehörigkeit, welchen Alters?

Die einen feiern die Digitalisierung, die anderen können die Computer nicht bezahlen, die für die Schule zu Hause gebraucht werden. Pädagogische Debatten beginnen und Familien sehen sich Herausforderungen ausgesetzt, die wir uns alle nicht vorstellen konnten.

Und dann sind da noch die, die sehr sehr krank werden und beatmet werden müssen. Die alleine sterben, weil keine Angehörigen mehr erlaubt sind, die über Wochen in ihren Wohnungen hocken, weil es totales Ausgangsverbot gibt. Es gibt Gewalt und Frust und plötzliche wirtschaftliche Not. Zukunftspläne zerbröseln.

Aber auch… Musik und Kunst und Inspirationen auf neuen Kanälen: Ich liebe das abendliche Date mit Igor Levit und seinem Flügel aus dessen Homeoffice – da fliegt die Kunst direkt in meine Küche und sorgt für tiefe Glücksgefühle!

Klopapierrollen mit pädagogischem Mehrwert

Ich selbst kann es nicht mehr lesen…. 10 gute Ratschläge fürs Arbeiten im Homeoffice, 5 ultimative Tipps, wie wir die Krise zur Chance machen, ständige Aufrufe um an (nett gemeinten) Aktionen teilzunehmen, um die neu gewonnene Zeit zu nutzen.

Ich habe KEINE Langeweile!!!! Ich arbeite. Und habe eine Familie. Das ist neben viel Freude auch Arbeit. Stichwort Carearbeit?!!

Und danach: Es sind noch längst nicht alle Bücher auf dem Stapel gelesen, Rezepte nachgekocht und Schubladen aufgeräumt. Mein Kind ist besonders und ich liebe es sehr, aber wenn ich nicht sehr nah an den Schulaufgaben und ihm dran bin, genießt er den Tag auf seine Weise und träumt sich in eine Welt, in der er mit Billie Eilish im Duett singt. Dabei lernt er erfreulicherweise sehr viele englische Songtexte und setzt sich freiwillig ans Klavier. In unserer Straße müssen die anderen Kinder verbindlich am Computer sitzen und haben digitalen Unterricht. Wir bekommen aus unserer Schule einmal in der Woche einen großen Umschlag mit Texten und Aufgaben und teilen uns das Lernen und Arbeiten selbst ein. Im Wohnzimmer entstehen nun aus Klopapierrollen griechische Götter und wir versinken in Romanen über den Sohn des Meeresgottes. Gerechnet, geschrieben und gelesen wird natürlich auch. Vokabeln können auch prima auf der abendlichen Runde auf dem Rad oder zu Fuß am Fluss besprochen werden. Seit gestern steht Pflanzenkunde auf dem Programm und wir werden heute Bohnen in Gips einpflanzen und beobachten, was passiert. Wann und wie die Klasse vor den Sommerferien beschult wird, ist heute noch total offen.

Selbstorganisation wird doch gerade so gefeiert – oder?

Nur die berühmte Selbstorganisation – wann wird die denn gelernt? Jetzt ist doch die einmalige Gelegenheit herauszufinden, wann denn wirklich gerne gearbeitet wird und wann es viel schöner ist, spazieren zu gehen oder zu spielen. Und dann ertappe ich mich, dass ich selbst zu Zeiten am Schreibtisch sitze, in denen ich früher schon geschlafen hätte. Oder dann, wenn die Amsel am lautesten singt. Da ist es im Haus so schön ruhig.

Überhaupt diese neue Stille: Ich finde es herrlich und entdecke unerwartet introvertierte Züge an mir. Und das Kind träumt und liest und guckt aus dem Fenster und singt und…. ist nicht durch Schule und Hobbies fremdbestimmt. Ist das so schlimm?

Ich bin mir sehr bewusst, dass das Phänomen des „Arbeitskraftunternehmers“ gefährliche Schattenseiten hat. Dieser Leittypus von Erwerbsarbeit geht davon aus, dass Erwerbstätige zunehmend unternehmerisch mit ihrer eigenen Arbeitskraft umgehen müssen. Sie entsprechen damit Forderungen der Betriebe nach mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation in der täglichen Arbeit. Betriebe suchen zunehmend selbstständig agierende Auftrag-Nehmer, die bereit sind, sich bei jeder Aufgabe von Neuem zu beweisen (vgl. Voß & Pongratz, 1998). Und das kann gerade jetzt eine große Falle sein und Menschen in die Ausbeutung treiben. Wann ist denn genug bewiesen, dass wir auch jetzt fleißig und präsent sind? Wie zeigen wir Sichtbarkeit in der Corona Zeit auch von daheim? Wie messen wir Arbeit, die nur schwer messbar ist?

Das große Märchen von der Vereinbarkeit

Vereinbarkeit war und ist für mich ein Märchen. Es hat noch nie geklappt, ganz viele Dinge auf einmal zu machen und zu glauben, dass alles gut wird. Dass es Frauen sind, die in den meisten Fällen systemrelevante Jobs ausüben, ist hinlänglich bekannt. Spannend ist doch jetzt: Wer hält zu Hause gerade die Fahne hoch? Kocht die täglichen Mahlzeiten, die nichts mit Bocuse zu tun haben, sondern einfach und pragmatisch gemacht werden müssen? Wer saugt die ganzen Wollmäuse weg, die sich zu vermehren scheinen, wenn man mal wirklich in den vier Wänden wohnt und nicht den ganzen Tag unterwegs ist? Wessen Job und wessen Konferenz ist wichtiger? Dass das Paare und Familien an Themen bringt, die vermutlich schon vorher latent vorhanden waren und jetzt einfach so aus der Box springen ist nachvollziehbar und in vielen Fällen extrem anstrengend und bedrohlich. Denn wenn sowieso Nerven blank liegen: Woher dann die Kraft für Grundsatzdiskussionen nehmen? Und an all die, die alleinerziehend sind: Woher nehmt Ihr die Kraft??? Euch gebührt jedes Rettungspaket dieser Welt!

Ich glaube: wir können Dinge ändern

Ich freue mich über jeden Videokonferenzteilnehmer, der mal eben aufspringen muss, weil jemand im Hintergrund irgendwas schreit, bei dem das Wort Pipi auftaucht und hoffe, dass wir Frauen weiter für unsere Themen kämpfen, wie es vor uns schon so viele gemacht haben. Vielleicht findet sich ja auch der ein oder andere Mann, der Lust auf mehr Familie bekommt und endlich politische Forderungen nach mehr Elternzeit und angemessener Gleichberechtigung laut ausspricht. Es ist ok mitzubekommen, dass wir tatsächlich Menschen sind, und es wird unsere Aufgabe sein, immer wieder zu reflektieren, in welcher Rolle wir gerade unterwegs sind und wie wir diese ausgestalten wollen. Vor allem, da derzeit so viele Rollen arg dicht beieinander liegen.

Was brauche ich eigentlich wirklich?

Ich habe alles, was ich brauche und bin von Fülle umgeben. Auch eine wichtige Corona Erfahrung. Olivenöl und Knoblauch scheinen wichtiger zu sein als ein Auto, das seit der Corona Zeit langsam Moos ansetzt. Küchengeräte, die gut funktionieren und eine Biokiste, die bis zur Terrasse geliefert wird, sind absoluter Luxus. Eine Familie, die einen nicht nur zum Wahnsinn, sondern immer wieder zum Lachen bringt und sich trotz social distancing feste umarmen lässt, ist ein Geschenk. Und überhaupt – das Schenken….. kochen für die kranke Nachbarin, den Familienmitgliedern aus den so genannten wichtigen Systemen etwas Gutes tun, … und immer in dem Bewusstsein, dass es so vielen anderen anders geht.

Das Glück springt beim Geben zurück! Die Fülle, die uns umgibt zu erkennen und neu schätzen zu lernen, ist eine wunderbare Nebenwirkung, die enorm viel Zufriedenheit und Dankbarkeit bringt.

Kommt gut durch diese Zeit. Bleibt hoffnungsvoll!


Weitere Blogbeiträge zur „Coronakrise“ finden Sie hier:

Teil 1 „Opa, wie war das noch damals mit dieser Krise …“
Teil 2 „Krisenmanagement und Corona – Wenn der Schwarze Schwan zuschlägt“
Teil 3 „Wie ich die Coronakrise wahrnehme …“



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