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Krisenmanagement

Krisenmanagement und Corona – Wenn der Schwarze Schwan zuschlägt (Teil 2)

„Wenn Krisen ehrlich machen …“ – es ist nicht nur der Titel unseres digitalen Camp Q – der Leadership-Konferenz für Querdenker am 16. Juni 2020. Wir als Team des Kompetenzzentrums haben es auch als Einladung an uns selbst verstanden, sich Gedanken zu unseren Gefühlen und Einschätzungen zur Coronakrise aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu machen. Entstanden ist ein Kaleidoskop aus fachlichen Betrachtungen und persönlichen, oft einfühlsamen Eindrücken. Denn, diese Krise hat viele Gesichter. Aber vor allem verbergen sich dahinter Menschen … Mit mehreren Blogbeiträgen möchten wir nicht zuletzt dazu einladen, sich mit eigenen Gedanken zu beteiligen.


 

Jetzt stehen wir dumm da. Mal wieder hat der sprichwörtliche Schwarze Schwan zugeschlagen: wir alle befinden uns im Krisenmodus. Seit Jahren sollen wir doch krisenresilienter werden und uns nicht von den alltäglichen Unwegbarkeiten des Lebens – und seien diese noch so katastrophal – aus der Bahn werfen lassen. Doch dieses Mal hat es ein kleiner Virus – SARS-CoV-2 geschafft – die Welt aus den Angeln zu heben. Mehr denn je ist es an der Zeit, zu fragen, welchen Beitrag ein effizientes Krisenmanagement zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen leisten kann.

Das Problem des Schwarzen Schwans ist immanent: Er ist unvorhersehbar und unerwartet. Da auch Experten ihn nicht prognostizieren konnten, ist in diesem Fall für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ein Lernen aus der Vergangenheit und auf Basis bestehenden Wissens nicht möglich. Dabei muss aber die Frage erlaubt sein, ob jedes Ereignis, das nicht in bestehende Planungen hineinpasst oder auf das ich nicht vorbereitet bin, tatsächlich einen solchen Schwarzen Schwan darstellt.

 

 

Wie sehr der Schwarze Schwan „Corona-Virus“ denkbar gewesen ist, zeigt, dass bereits 2003 mit SARS-CoV und 2012 mit MERS-CoV zwei Viren als Verursacher von schweren akuten Atemwegssyndromen aufgetreten sind. Aus heutiger Sicht scheint man damals nur knapp einer ähnlichen Katastrophe entgangen zu sein. Rein faktisch scheint das Corona-Virus also mehr einem Weißen oder maximal Graumelierten Schwan zu ähneln.

Noch naiver wäre es, nach dem Auftreten eines Schwarzen Schwans zu glauben, dass nicht weitere Rote, Blaue, Grüne Schwäne existieren könnten. Die Coronakrise überschattet zwar alles. Aber es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch in der Phase des Shutdowns ein noch wirkmächtigerer Schwan irgendwo schon auf uns wartet.

Corona wird nicht das letzte unvorhersehbare und unerwartete Ereignis bleiben. Allein die schon bestehende Bedrohung durch Kernwaffentests in Nordkorea oder eine erneute Naturkatastrophe wie ein Tsunami oder Kometeneinschlag zeigen, dass überall ein neuer Schwan lauern kann. Zu Ende gedacht, bedeutet dies: Es besteht jederzeit die realistische Bedrohung durch einen neuen, dann Blauen Schwan.

Ein effizientes Krisenmanagement wirkt allerdings einen wie auch immer gefärbten Schwan durch vorausschauendes Denken entgegen. Und dabei ist es besonders wichtig, eingetretene Pfade des Denkens zu verlassen oder wie der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld es auf den Punkt brachte:

„Es gibt bekannte Bekannte, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt, das heißt, wir wissen, es gibt einige Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte – es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“

Gerade das frühzeitige Erkennen – und die Unterscheidung von maßgeblichen über irrelevanten Informationen – entscheidet, inwieweit tatsächlich das unbekannte Unbekannte als Schwarzer Schwan eine Gesellschaft, eine Institution oder ein Unternehmen aus der Bahn werfen kann.

Management heißt die Bewältigung von Unsicherheiten – Planung, Steuerung, Führung, Kontrolle etc. unter ungewissen Bedingungen über die Zukunft zu treffen. Nur äußerst selten kann ein Management eine Entscheidung unter Sicherheit treffen, weil sämtliche Konsequenzen einer Handlung im Voraus vollständig bekannt sind. Entscheidungsträger sind daher ständig aufgefordert, vorauszuschauen und auch Undenkbares zu denken.

Zwar kann ein solches Denken nicht verhindern, dass ein Schwarzer Schwan auftaucht, aber kein Entscheidungsträger sollte sich davon überraschen lassen. Das beugt dem mit Krisen einhergehenden wahrgenommenen Gefühl einer Bedrohung, dem Anstieg an Unsicherheit, Dringlichkeit und Zeitdruck rechtzeitig vor. In diesem Sinne ist der sprichwörtliche Ruf einer Kassandra ein Vielfaches mehr wert, als die erneute Bestätigung einer bereits bekannten Information durch einen noch so gut ausgebildeten Experten.

Nur eine Kultur in einer Gesellschaft, einer Institution oder einem Unternehmen, die darauf vorbereitet ist, kann einen effizienten Krisenschutz bilden. Dazu gehört insbesondere, für alle Alternativen offen zu sein, Außergewöhnliches zu denken, Diversität und Verschiedenartigkeit zuzulassen, auszuhalten und zu nutzen.

Für das Krisenmanagement ergibt sich in der Folge, dass die Krise nicht die Ausnahme, sondern den Normalfall darstellt. Ein wirkungsvolles Krisenmanagement in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollte

  • frühzeitig auf Basis eines Kulturwandels aufgebaut werden
  • freies und kritisches Denken ermöglichen und sich von „Ja-Sagern“ fernhalten
  • die Vorbereitung auch auf außergewöhnliche oder unwahrscheinliche Sachverhalte umfassen
  • bereitgestelltes Wissen nicht als alternativlos betrachten
  • Gruppendenken und Gruppenzwang verhindern
  • unterschiedliches Expertenwissen und verschiedene Ressorts und Abteilungen einbinden
  • trügerische Sicherheit aufgrund vergangener Ereignisse vermeiden
  • reflektieren, inwieweit Entscheidungen zu einer Beschleunigung von krisenrelevanten Parametern führen
  • beachten, dass eigenes Handeln den Auslöser für weitere Krisen umfassen kann
  • die Motivation von Profiteuren und Verlierern von Entscheidungen beachten
  • in einer Krisensituation davon ausgehen, dass es weitere Krisen geben kann und insbesondere die Pfadabhängigkeit bei Entscheidungen reflektieren
  • die Interdependenz und das Zusammenwirken von verschiedenen einzelnen Faktoren und Krisen berücksichtigen

Für das Krisenmanagement in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bleibt wichtig: Werden Sie Vogelkundler. Suchen Sie sich die kreativen, mutigen kritischen Stimmen zusammen, um bestmöglich auf Schwäne und Unvorhersehbares vorbereitet zu sein.

Entscheiden unter Unsicherheit müssen am Ende Sie!

Lesen Sie hier mehr dazu:

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/krisenmanagement-im-21-jahrhundert/projektnachrichten/corona-und-die-folgen


 

Weitere Blogbeiträge zur „Coronakrise“ finden Sie hier:

Teil 1 „Opa, wie war das noch damals mit dieser Krise …“

 



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