Würde

Gelebte Würde im Unternehmensalltag

Geht das auch in Zeiten von Corona?

 

Glauben Sie an Erfolg oder ans Gelingen? Sehen Sie die heutige Zeit eher aus einer Brille des Möglichen oder des Unwahrscheinlichen? Mögen Sie eher Visionen oder gehen Sie vorher lieber zum Arzt? Gestalten Sie Ihre Realität aus Vertrauen oder eher aus Angst? Ich mag Visionen, glaube an Möglichkeiten, wachse mehr und mehr ins Vertrauen. Durch co-kreatives Handeln erhoffe ich mir würdevolles Agieren in Unternehmen mitgestalten zu können. Eine eierlegende Wollmilchsau? Zum Scheitern verurteilt? Vielleicht, doch ich hoffe nicht.

 

Wirtschaftliche Modelle und Würde

Jede mir bekannte ökonomische Theorie spricht gegen meine Zuversicht, dass ein ‚weniger an ökonomischen Gewinn‘ Grundlage wirtschaftlichen Handelns sein kann. Ich vermute sogar, dass vielleicht schon Hoffnung für mein Anliegen zu weit gegriffen ist. Doch wenn ich mir nicht selbst diese herausfordernde Aufgabe stelle, wenn ich meiner Angst nicht begegne, an wen soll ich meine Sehnsucht „Wandel würdevoll gestalten, bedeutet eine lebenswerte Zukunft zu gestalten“ denn dann delegieren? Ich bin weder ein Verfechter noch Verleugner bestehender Theorien oder neuer Modelle. So schätze ich:

  • den Ansatz „small is beautiful“ als maßvollen Ansatz des Wirtschaftens;
  • die Gemeinwohlökonomie, als Ansatz „Wirtschaft am Gemeinwohl“ zu orientieren, sowie Kooperation und Gemeinwesen in den Vordergrund zu schieben;
  • die Ansätze einer Post-Wachstumsökonomie, bei der ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, über stabiles und vergleichsweise reduziertes Konsumniveau, erreicht werden soll;
  • das Nachhaltigkeitsdreieck, bei der Ökonomie, Soziales und Ökologie als gleichberechtigt angesehen werden;
  • oder auch verschiedene Facetten des Liberalismus, Sozialismus und der sozialen Marktwirtschaft.

Wir sind heute durch die dritte industrielle Revolution in den 1970er Jahren (der Computerisierung) mit fast allem auf der Welt verbunden und vertraut. Daraus haben wir ausführliche Theorien abgeleitet und für alles Bekannte statistische Grundlagen geschaffen. Auch können wir fast jedes Szenario (egal ob privat oder in Unternehmen) legitimieren und aus zig Perspektiven argumentativ fundiert unterlegen.

Und, was hindert uns also daran unser langjähriges Wissen z. B. um die Herausforderungen des Klimawandels, der Bevölkerungsexplosion oder dem Konsumismus – als scheinbar zentrales Wirtschaftssystem in der Welt – gemeinschaftlich global und zukunftsbezogen umzubauen?

Für mich liegt die Antwort schlicht, ergreifend und ernüchternd an mir – und auch an Ihnen, ganz einfach. Weder ‚die‘ Politik, ‚die‘ Wirtschaft oder ‚die‘ Anderen sind verantwortlich – außer Sie sehen sich als Lemming einer Führungsriege. Denn Leben ist so komplex und vernetzt geworden, dass uns eine gewohnte Kontrolle entgleitet, und wir uns verstärkt auf das externe Gehirn der Computer verlassen. Noch liegt das Handy auf dem Tisch, wird es nicht wie selbstverständlich in der vierten industriellen Revolution automatisch – rein aus menschlicher Bequemlichkeit – unter die Haut verpflanzt?

Vielleicht habe ich es, als Mensch der Generation X (geboren ab 1965), z. B. versäumt:

  • der stetigen Beschleunigung durch technische Möglichkeiten (z. B. fragen Sie nicht auch erst Ihr Handy, bevor eine Antwortsuche zu lange dauert?) rechtzeitig Einhalt zu gebieten;
  • meiner stetig wachsenden Bequemlichkeit (z. B. kennen Sie noch die Telefonnummer eines Freundes auswendig?), rechtzeitig Bewusstsein entgegenzusetzen;
  • meine persönliche Freiheit zu Gunsten der Einheit der einen Welt, des einen Lebens (z. B. verzichten Sie auf Reisen und Konsumismus?) rechtzeitig zu relativieren.

Ich und sicher viele meiner Generation sind es, die die Komplexität des Alltags durch ihren Forschergeist weiter befeuert haben. Soll ich mich jetzt für die Vergangenheit geißeln? Gehe ich ins Kloster und leiste dort Abbitte? Suche ich aus bestmöglichen idealisierenden Konzepten welche aus, um mich zu läutern, zu rechtfertigen? Nein, schon seit einigen Jahren, speziell jetzt durch Corona, werde ich mir einer neuen Bedeutung eines sehr wesentlichen Fundaments bewusster.

 

Herausforderungen

Denn ich sehe eine Chance den scheinbar unabwendbaren Breakdown der Menschheit etwas hinauszuzögern. Denn mir fehlen die Zweifel, dass die Gattung Mensch, der nächste ‚Dinosaurier‘ auf diesem Planeten, bald aussterben wird. Damit verbunden betrachte ich eines aus der Metaperspektive ungesunden Wirtschaftssystems durch ein Element ergänzen zu wollen. Es ist der lange vernachlässigte Bewusstwerdungsprozess zur eigenen „Würde“.

Wozu? Wahrlich nicht, weil ich damit die Welt oder die Menschheit retten kann, auch nicht, um andere Menschen zu belehren, was sie wie zu tun haben. Sondern allein deswegen, weil ich ganz eigennützig durch gelebte und bewusst erfahrene „Würde“ Sinn finde. Ganz allein deshalb, weil ich dadurch den Schleiern eigener Verblendung begegnen kann.

Diese Weitsicht haben schon die Gestalter:innen in Art. 1 des Grundgesetzes und in der Menschenrechtskonvention bedacht, und als undefinierten Begriff „Menschenwürde“ zur Grundlage der Lebensexistenz des Menschen auf der Erde berücksichtigt. Es hilft sich in jedem gesellschaftlichen Segment mit diesem im Grunde urmenschlichen Seinszustand auseinanderzusetzen.

Konkret geht es in dem Dickicht von vielen Themen – gerade auch wegen erlebten Freiheitseinschränkungen durch Corona, eines auf Seiten der Unternehmen verständlichen Digitalisierungsdrucks, der Herausforderungen von Big Data, der Entwicklungen einer Genschere und der Monopolisierung mit deren Auswirkungen durch die Internetgiganten GAFA (Google, Apple, Facebook und Amazon) – zukünftig weniger um methodische Kompetenz, rationales Wissen und noch bessere Techniken.

In einer zukünftigen Personalentwicklung von Unternehmen und im Bildungssystem geht es eher um die Entwicklung einer bewussten selbstwirksamen Haltung zu anderen Menschen, Dingen, Ereignissen, eine Orientierung, einen Kompass und einen Bezug zum Lebensraum Erde, oder? Auch ein Aufbau von vielfältigen Strukturen, die von agil bis autoritär ihre Berechtigung in der Evolution menschlichen Seins haben, sind wesentlich.

Denn wenn wir den Fokus primär auf die digitale Welt legen, entartet unser menschliches Sein. Konformität löst jede Eigenständigkeit ab, und dann kann sogar das Bewusstsein eigener Würde einem Algorithmus unterworfen werden. Schön wäre es, wenn wir die faszinierenden Möglichkeiten digitaler Systeme mindestens in eine hoffentlich „soziale Informationsökonomie“ entwickeln könnten, damit unsere Enkel nicht schlimmstenfalls mit einer „transhumane Maschinen-Mensch-Ökonomie“ leben müssten.

 

Abschlussgedanken

Daher können Sie, kann jede verantwortliche Person – und gerade in diesem entscheidenden Alter ist die Generation X – in Unternehmen, Bildungsstrukturen und Vereinen „verschiedene Würde-Impuls-Räume“ (melden Sie sich gerne bei Interesse unter info@michaelbeilmann.de für einen ersten offenen Austausch) ausgestalten. Als Führungsperson können Sie Mitarbeiter:innen inspirieren, ermutigen und unterstützen ihre wesentlichen Parameter eines lebenswerten Lebens und auch ihres Verhaltens zu erarbeiten.

Und wenn nicht wir offensiv an einer Unternehmenskultur bzw. einem an „Würde“ ausgerichteten – Handeln konstruktiv mitgestalten, wer denn dann? Worauf warten wir noch, wenn Big Data uns schon jetzt durch die Corona Pandemie einholt. Ängste sogar Familien spalten, Teams auseinandertreiben und wir gesellschaftlich gerade dabei sind, den Wert der Demokratie neu zu erfahren. Wir sind in einer Zeit für innere Neuorientierung, jetzt ist Zeit für eigenes Handeln unter sehr unsicheren Parametern.

Einen retroromantischen Blick in die so zumeist „bequeme“ vergangene Zeit der eigenen Planbarkeit und Freiheit, ist für mich genauso unpassend wie der ausgestreckte Zeigefinger aus alten dualen Zeiten auf „Verleugner, Beharrer oder Befürworter“ in diesen so unübersichtlichen Situationen. Wir können jetzt neu lernen zu streiten, lernen, wieder sokratisch in den Dialog zu gehen und über das Thema „Würde“ mehr und mehr verinnerlichen, dass der Wimpernschlag unseres eigenen Seins nun vor einer Aufgabe steht, die gewohnte Reaktion des Reptilienhirns von „Angst vor etwas“ in „Vertrauen auf etwas“ zu verwandeln (hierzu erscheint bald mein neues Buch „Würde & Freiheit – am Beispiel von Corona Untertitel: Für was entscheidest du dich? Angst oder Vertrauen?“).

Wenn also jede:r – also auch Sie – konkret in den eigenen Strukturen von Unternehmen, Vereinen und Organisationen Verantwortung übernimmt, können wir alle aktiv die Zukunft mitgestalten und nicht andere für eigenes Unvermögen verantwortlich machen. So sehe ich meinen Sinn u. a. darin, im Alter erfüllt zurückzuschauen auf ein gelungenes, inspiriertes und abwechslungsreiches Leben. In einen weiten bebilderten Erfahrungstunnel meiner eigenen Realität, die dort mit Zufriedenheit abgebildet ist.

Fügen auch Sie Ihren kleinen Stein zum Puzzle des Lebens bei. Dadurch fügen wir uns zusammen zum Gelingen – was mehr als Erfolg darstellt – des Lebens für die nachfolgenden Generationen. Lassen Sie uns in einen Austausch dazu kommen, über den von uns entwickelten „sogenannten Würde.Macht.Sinn-Schlüssel“!



Kommentare

  1. / von Anne Klare

    Ein sehr inspiriender Beitrag, der mir die Augen geöffnet hat. Es kommt halt auch im Business auf die Haltung an. Danke.

  2. / von Kim Göcking

    Ich habe mit großer Begeisterung die Ausführung von Michael Beilmann gelesen. Er schreibt aus seinen praktischen Erfahrungen und mit viel Enthusiasmus für das Thema.

    1. / von Michael Beilmann
      zu

      Liebe Frau Göcking, darf ich fragen, was Sie an meinem Beitrag so begeistert, gerne würde ich darauf weiter aufbauen.

  3. / von Patrick Sellier

    Danke für diesen inspirierenden Beitrag, Michael

    1. / von Michael Beilmann
      zu

      LIeber Patrick, danke dir für deine Zeit. Ich hoffe du kannst etwas für dich Relevantes herausziehen.
      Herzliche Grüße Michael

  4. / von Torsten Aé

    Hallo Michael,
    Du sprichst ein Thema an, was mich schon länger beschäftigt.
    Unsere Eltern und Großeltern haben noch Zeiten erlebt, in denen Grundbedürfnisse „wertvoll“ waren und Selbstverständnisse der letzten Jahrzehnte wie z.B. Sicherheit, Solidarität, Freiheit, Gesundheit, Versorgung, usw. gewürdigt und bewusst gepflegt wurden.

    Das Wachstum der letzten Jahrzehnte hat uns verwöhnt: immer höher, schneller, weiter, besser, … kurz mal neue Klamotten mit Markenlabel, schnell mal ein Kurzwochende in‘s Nachbarland, einen neuen größeren Fernseher, alle 3 Jahre das neueste Auto mit noch mehr Schnickschnack, Vietnam statt bayerischer Wald, fein Essen gehen statt zusammen kochen, ein neues 400g leichteres Carbonrad mit 28 Gängen für den Biergartenbesuch um die Ecke, …
    Trotzdem werden die Menschen immer unzufriedener, da sie sich über ihren äußeren „Reichtum“ identifizieren und befriedigen.

    Ich hoffe, dass Corona uns mal wieder näher an unsere menschlichen Bedürfnisse zurück besonnen hat – innere Zufriedenheit und das Glück des Augenblicks zu genießen:
    intensive Begegnungen mit Freunden, Bekannten und Nachbarn, das Erblühen der Natur im Frühjahr, Gesund zu sein und zu spüren, was der eigene Körper leisten kann, ein leckeres Essen mit allen Sinnen zu geniessen, mal wieder ein altes Karten- oder Brettspiel auszupacken und gemeinsam lachen, das private Gespräch zwischendurch mit Kollegen und Mitarbeitern, seine private Umgebung in eine Wohlfühloase gestalten und zu besinnen, wie gut und sicher wir gerade hier in Mitteleuropa leben im Vergleich zum Rest der Welt.

    Vielleicht gelingt es uns wieder, innere Werte an uns und unsere Umwelt zu schätzen und zu würdigen.
    Das betrifft den privaten Bereich genauso wie das berufliche Umfeld, in dem jeder einzelne von uns Gestalter sein kann für eine Lebensumgebung und ein Lebensgefühl, in dem wir Mensch sein können und uns wohl und zufrieden fühlen.

    1. / von Michael Beilmann
      zu

      Lieber Torsten, ich danke dir sehr für deinen Kommentar und auch den verbindenden Wunsch nach Mensch-Sein. Es freut mich, dass du dir die Zeit genommen hast, dir meinen Beitrag zu Gemüte zu führen. Dir alles Gute auf diesem Weg und vielleicht einmal eine Begegnung in dem einen oder anderen Kontext.
      Herzliche Grüße
      Michael Beilmann

  5. / von Andreas Straetling

    Diesen Beitrag habe ich, wie ich es von Michael Beilmann gewohnt bin, mit Gewinn gelesen und erkenne mich und mein Handeln in vielen seiner Äußerungen wieder. Ich hatte das Glück, in den letzten Jahren Aspekte der „Würde“ mit Michael persönlich erörtern zu dürfen, bin nicht in allem seiner Meinung, aber mit ihm gemeinsam auf dem Weg . Als Leiter einer Grundschule ist mir das dialogische und „würdevolle“ Führen ein Anliegen, an dem ich immer seltener scheitere. Der „Erfolg“ von – in meinem Fall Schule liegt ja nicht nur und auch nicht schwerpunktmäßig im Anhäufen von Wissen, sondern vor allem in der (Anbahnung der) Bildung eines möglichst reflexiven, empathischen, verantwortungsvollen und zu Vertrauen fähigen Menschen. Leider liegt der Fokus vieler Beteiligter immer noch viel zu sehr auf Noten, Bewertungen und „Abschlüssen“. Bildung ist aber nie abgeschlossen. Sie entwickelt sich, sie braucht Pflege und, ja, ein die Würde achtendes Handeln aller Beteiligten. Dies ist in meinen Augen – unabhängig von Technik, Digitalisierung, (fehlenden) finanziellen Ressourcen und vor allem unterschiedlicher sozialer Voraussetzungen und Möglichkeiten – eine Aufgabe aller Menschen, die Menschen führen. In meinem „Unternehmen“, meiner Schule, gilt seit jeher der Leitsatz „Der Mensch geht vor!“ Dies in allem Trubel, in aller Komplexität der täglichen Herausforderungen und auch in allem Scheitern und Verzagen immer neu vor Augen zu haben und sich davon leiten zu lassen, ist mein Beitrag zur „Würde“. Daher: Danke, Michael, für deinen neuen Beitrag und den Impuls, den du damit setzt, um „dein“ Thema ins Bewusstsein möglichst vieler Menschen guten Willens zu bringen! Ich werde dich dabei weiter begleiten.

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