#CampQ
Mut

„Wenn du dich klein machst, dient das nicht der Welt…“ – Wir brauchen Mut und Haltung, um unser Potenzial zu entfalten!

Es ist so wie damals, als mein Mann und ich unser kleines Häuschen bauten: Wir mussten uns für Dachziegel entscheiden und ich sah von jedem Haus, an dem ich vorbeikam, plötzlich nur die Dächer, deren Farben und Vielseitigkeit an Formen.  Wer kennt so etwas nicht? Unsere Aufmerksamkeit folgt dem Fokus unseres Geistes und vermutlich ist dieses Phänomen der Grund, warum es mir momentan so vorkommt, als drehe es sich nach dem „New Work“- und „VUCA“-Hype auf Social Media sowie in vielen Artikeln rund um Führung und die Arbeitswelt der Zukunft zunehmend mehr um die Schlagworte Mut und Haltung.

Häufig geht es hierbei um eine Haltung gegen Rassismus oder politische Regime, die nach unserem europäischen Verständnis gegen Moral und Anstand verstoßen.  Das ist gut so! Und es geht um den Mut, diese Haltung auch als Wirtschaftsvertreter kundzutun. Ermutigend sind auch Initiativen wie #Mutland  und das Mutmagazin, wo Geschichten geteilt werden, die Mut machen und bewusst den Schwerpunkt nicht auf das Ausmaß und die Brisanz schrecklicher Lebensumstände legen.

Viele Menschen in Organisationen sind mit angezogener Handbremse unterwegs

Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich jedoch eher mit unserem ganz individuell fehlenden Mut und den inneren Barrieren von Menschen, die einen Großteil ihrer Lebenszeit in Organisationen verbringen und dort eigentlich mit angezogener Handbremse unterwegs sind.

Als wir im August das Thema  „Mit Mut und Haltung in die Zukunft führen“ des nächsten Camp Q – die Leadership Konferenz für Querdenker festlegten, hörten wir: „Was für ein wichtiges Thema und bisher so überhaupt gar nicht für Veranstaltungen relevant!“ Das spornte uns an, denn sowohl bei der Führung als auch bei Mitarbeitenden vermissen wir häufig das letzte Quäntchen Mut, um Organisationen wirklich weiterzuentwickeln. Wie erleben wir wichtige Entscheidungsträger? Wird eine klare Haltung und Position nicht viel zu wenig deutlich? Und wenn wir ehrlich sind, ist es nicht so, dass wir selbst mit unseren Äußerungen in Meetings oder in der Öffentlichkeit eher dazu neigen, niemandem auf die Füße zu treten und sanfte Formulierungen zu wählen, anstatt mal Tacheles zu reden? Halten uns manch schnelle, zum Teil auch verachtende Reaktionen im Netz davon ab, einen Tweet oder Kommentar ehrlich und mit klarer Kante zu formulieren? Fest steht, viele Menschen tun sich schwer damit, wo wir doch größtenteils von uns behaupten, selbstbewusst durchs Leben zu gehen.

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Wir müssen uns davon verabschieden, von jedermann gemocht zu werden

Es fällt auch auf, dass wir uns selbst durch eine inkonsequente Erwartungshaltung widersprechen. Auf der einen Seite verlangen wir nicht nur von Führungskräften, sondern eigentlich von jedem Bürger eine klare Haltung und Position. Aber wie sieht es aus, wenn wir persönlich von klaren, auch unbequemen Entscheidungen betroffen sind? Ein Projekt, an dem unser Herz hängt, und das nicht profitabel ist – gestrichen vom Vorstand. Wie ist dann unsere Reaktion? Bewundern wir den Mut des Vorstands?

Wir müssen uns davon verabschieden, für die eigene klare Haltung von jedermann gemocht zu werden und sollten auch akzeptieren, dass Entscheidungsträger nicht immer nach unserem Geschmack handeln. Es liegt in der Natur der Dinge: Eine Haltung für eine Sache impliziert immer auch eine Position gegen eine andere Sache. Warum nur tun wir uns so schwer, unsere Haltung deutlich zu vertreten?

Einfach mal den inneren Kritiker „Das kannst du nicht“ ignorieren und machen

Viele Menschen sind bereits dabei, gemeinsam in Teams herauszufinden, wie echte Weiterentwicklung hin zu einer zukunftsfähigen Unternehmenskultur gelingen kann. Dafür braucht es Mut und Haltung sowohl von der Führung, jedoch genauso sehr von jedem Einzelnen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen sind die Treiber für rasante Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, aber die Umsetzung liegt noch immer bei einzelnen Menschen. An ihnen liegt es, Kultur zu schaffen, zu verändern und weiterzuentwickeln sowie das so notwendige „Über-sich-Hinauswachsen“ möglich zu machen.

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Photo by Juliane Liebermann on Unsplash

Die Praxis zeigt jedoch leider, dass es gar nicht so leicht ist, mit dem „Über-sich-Hinauswachsen“ – und hier meine ich einmal nicht so sehr die Führungskräfte, sondern eher die Mitarbeitenden, die durch neue Formen der Zusammenarbeit und Übernahme von Verantwortung mehr von sich zeigen müssen. Führungskräfte haben hier gewiss mehr Routine. Ihnen kommt allerdings gerade jetzt in der Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen eine wichtige Rolle zu. Von vielen Menschen erfordert es durchaus Mut, die eigenen Gedanken in einem Meeting laut auszusprechen, sich mit einer gegensätzlichen Meinung zu behaupten oder eine verrückte Idee, von der man überzeugt ist, auszusprechen. Insbesondere dann, wenn bislang Regeln einer Kultur galten, die geprägt ist durch Hierarchie und Kontrolle. Wir haben unsere Erfahrungen mit Sanktionen von der Kleinkindphase an gemacht und sind im Laufe des Lebens durch Schule, Ausbildung, Hochschule und auch durch Erfahrung im Berufsleben vielfach mit unserer eigenen Verletzlichkeit in Kontakt gekommen. Diese Erfahrungen stecken uns in den Knochen, prägen unser Verhalten und haben häufig zu einer Vermeidungstaktik geführt. Es gilt, den inneren Kritiker „Das kannst du nicht, das ist eine Nummer zu groß“ auszuschalten und einfach zu machen.

Es braucht eine Kultur der Achtsamkeit und des Vertrauens um Mut zu entwickeln

Hier braucht es jetzt vor allem eine behutsame Kultur der Achtsamkeit und des Vertrauens, die von Führungskräften orchestriert wird. So können Menschen neue Erfahrungen machen und die in sich fest verankerten „Skripte“ nach und nach umschreiben. Erst dann werden sie mutiger, ihre Haltung nach außen zu zeigen, können ihre Selbstwirksamkeit und Sinnerfüllung erleben und sich im Idealfall mehr und mehr in Organisationsprozesse und –inhalte einbringen. Diese inneren Barrieren, die uns davon abhalten, das zu tun, was uns wirklich, wirklich wichtig ist, kennt vermutlich jeder. Nimmt man all die Menschen zusammen, die in einer Organisation arbeiten, dann kommt hier schon ein gehöriges Potenzial zusammen, und wenn wir es wirtschaftlich betrachten wollen: Was für ein Jammer ob der ungenutzten Wertschöpfung! Wir sollten also gemeinsam daran arbeiten, die inneren Barrieren eines jeden Einzelnen abzubauen.

Mit Mut zu unserer eigenen Größe zum Wohle von Gemeinschaften

Wir brauchen Mut und Haltung, um mit unserem vollen Potenzial auch wirklich sichtbar zu werden. Ich denke dabei an die spirituelle Antritts-Rede von Nelson Mandela und verneige mich vor seiner Weisheit, auch wenn der Text nicht von ihm stammt. Diese Zeilen fassen alles zusammen.

Mut
Photo by Val Vesa on Unsplash

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind,
Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: „Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, begnadet, phantastisch sein darf?“
Wer bist du denn, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes.
Wenn du dich klein machst, dient das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du schrumpfst,
damit andere um dich herum, sich nicht verunsichert fühlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen.
Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben,
wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien.“

Das Zitat stammt aus dem Buch „Rückkehr zur Liebe“ von Marianne Williamson. Nelson Mandela hat es im Jahre 1994 in seiner Antrittsrede zum Staatspräsidenten einfließen lassen und es damit weltweit bekannt gemacht.

Mögen wir alle mehr Mut zu unserer eigenen Größe entwickeln und diese in den Dienst von Gemeinschaften, Organisationen und der Gesellschaft stellen, damit die Herausforderungen unserer Zeit und für Unternehmen die digitale Transformation gemeistert werden können. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob unsere Wahrnehmung uns glauben lässt, es sei ein momentaner Hype.  Mut und Haltung müssen Dauerbrenner sein. Wir müssen lernen, unser Zusammenleben und –arbeiten dauerhaft konstruktiver zu gestalten. Beim Camp Q im April lassen sich über den Aspekt des individuellen Muts hinaus die unterschiedlichen Facetten von Mut und Haltung erleben und diskutieren. Lassen Sie uns dort mit- und voneinander lernen. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind.

 



Kommentare

  1. / von Dorothea Assig

    Wie wahr! Herzlichst, Dorothea Assig und Dorothee Echter

  2. / von Jörg Hesse

    Den Nagel auf den Kopf getroffen, Anja Schlenk.

    Ergänzung:

    Unternehmen sollten sich auf den Weg machen, ein Klima der Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen und zu pflegen. Ergo wirft das dann auch ein entsprechendes Licht auf die Führenden. Sie selbst und gerade sie sind meist der Grund dafür, dass dies nicht möglich wird. Nicht selten überstrahlt die Selbstherrlichkeit, das überhöhte Ego, die Platzhirschattitüde das Licht derer, die geführt werden. Denn damit Mitarbeiter, damit Menschen Haltung, Mut, Standing an den Tag legen, braucht es Führung, die Sinn stiftet, die Raum gibt, die anspornt, ertüchtigt, konstruktiv reflektiert. Und sich nicht so wichtig nimmt. Es verlangt schon ein gehöriges Maß an persönlicher Reife und Souveränität, sich als Führungskraft einzulassen auf unbequeme Menschen, die den „Plan“ durchkreuzen, die das Ungedachte, das Ungesehene repräsentieren, die anders denken und sich mit frischen Ideen zu Wort melden. Aber ja, genau daran mangelt es.

    1. / von Anja Schlenk
      zu

      Vielen Dank für die wertvollen Ergänzungen! Ja, diese Art von Führung ist noch in hohem Ausmaß vertreten. Wir erleben in unseren Executive Trainings aber auch viele Menschen, die sich als Führungskraft stark reflektieren und Kultur mit Blick auf Entfaltungsmöglichkeiten und Sinnstiftung für Mitarbeiter verändern. Das macht Mut! Ihr Stichwort „Reife“ ist für mich hier ein Schlüsselbegriff!

  3. / von Florence Guesnet

    Toll, wie du das Wechselspiel von persönlicher Haltung und ermutigender Führung beschreibst. Ein guter Ansporn, in meiner Arbeit mit Führungskräften genau hier zu stärken. Danke

  4. / von Anja Schlenk

    Danke für Deinen Kommentar! Es macht Hoffnung, wenn wir alle, die wir uns als „Begleiter“ von Führungskräften verstehen, gemeinsam dafür sensibilisieren, wie sehr Führung zunächst lernen muss, sich selbst zu führen und gut zu verstehen. Toll ist auch deine Initiative zu #Mut auf deiner Homepage! Es macht Hoffnung, wenn so viele Menschen mit gleichem Ziel unterwegs sind.

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