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Die Systemfrage ist gestellt – Lasst uns was draus machen!

Vor etwa einem Jahr habe ich hier in diesem Blog geschrieben, dass ich es satthabe von gleichberechtigter Teilhabe von Frauen und Männern nur zu reden, aber nicht entsprechend zu handeln. Ich habe geschrieben, dass es mir reicht, den Grund für die nicht vorhandene gleichberechtigte Teilhabe zu oft bei den Frauen zu suchen anstatt das vorherrschende männliche bzw. durch Männer geprägte System und dessen Rahmenbedingungen und Strukturen verantwortlich zu machen!

Vor einem Jahr habe ich hier an dieser Stelle dazu aufgerufen die Systemfrage zu stellen, laut und vernehmlich, nicht mehr nur zu reden, sondern endlich zu handeln.

Aber, was ist seitdem passiert?

Ich habe mich auf den Weg gemacht und mit anderen die Systemfrage gestellt

Ein kluger Mensch sagte: „Wenn einer alleine träumt, bleibt es ein Traum. Träumen wir aber gemeinsam, wird es Wirklichkeit.“ Wie wahr das ist, hat sich im letzten Jahr gezeigt, denn ich bin nicht alleine geblieben mit meinem Wunsch, ich habe tolle Mitstreiterinnen – u. a. aus dem Kreis der CampQ-Alumnae – gewonnen. Gemeinsam haben wir Anfang letzten Jahres die Initiative female.vision mit dem Ziel gegründet, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln. Eine Vision, die nicht nur die bestehenden Strukturen und Kultur radikal hinterfragt, sondern vor allem auch die Rollenbilder und Geschlechterzuschreibungen. Ganz im Sinne von „don´t fix the women, elevate the system“.

Wir haben mit der female.vision online-community und dem 1. female.vision Summit im November letzten Jahres aus eigener Kraft eine Plattform etabliert, die es im virtuellen und realen Raum schon vielen ermöglicht hat und zukünftig noch mehr ermöglichen soll, mitzudenken, mitzudiskutieren und mitzugestalten. Gerade auch das Summit im November war unser Startschuss, verkrustete, patriarchal geprägte Strukturen und Rollenklischees aufzubrechen und eine Vision für die Zukunft zu entwickeln. Eine Vision für das gute Leben – für Frauen und Männer – auf Augenhöhe! Frauen und Männer aus unterschiedlichen Organisationen und Institutionen sowie (Frauen-) Netzwerke und Verbände waren vor Ort und wir sind gemeinsam ins Handeln gekommen. In spannenden Workshops sind konkrete Aktionen entstanden, deren Umsetzung gerade erfolgt.

Also ich bin ins tun gekommen, habe zusammen mit anderen erste Zeichen gesetzt. Aber was ist im Hinblick auf die Systemfrage sonst so passiert?

Wer die Systemfrage nicht stellt, ist klar – aber gibt es einen Lichtblick?

Besonders eindrücklich, quasi „pars pro toto“, im Hinblick darauf, wer die Systemfrage nicht wirklich stellt, war die Veranstaltungswoche rund um den Weltfrauentag am 8. März 2020.

Wem es nicht schon vorher bewusst war, dem wurde spätestens hier in sehr geballter Form die gesamte Misere der Debatte um gleichberechtigte Teilhabe in ihrer ganzen ritualisierten Perspektivlosigkeit deutlich: Da finden Veranstaltungen statt, bei denen unermüdlich Zahlen und Fakten präsentiert werden, die aufzeigen wie wenig sich tut und wie weit der Weg noch ist. Teil des Veranstaltungskonzeptes ist es aber nicht zum Handeln anzuregen oder zumindest Ergebnisse zu produzieren. Es wird auf größtenteils hochkarätig besetzten Podien viel diskutiert und angeklagt, es wird auch mal davon gesprochen, dass sich die systemischen Rahmenbedingungen ändern müssten, aber wer oder wie? Fehlanzeige!

Es wird deutlich, dass hier, von Seiten maßgeblicher Institutionen aus Politik und Wirtschaft keiner wirklich vorhat das bestehende System zu verändern, geschweige denn die Systemfrage zu stellen. Wahrscheinlich sind die bestehenden Rahmenbedingungen für die meisten doch noch zu bequem, um sich aus der Komfortzone herauszubewegen. Vielleicht sind aber auch die, die sich schon nicht mehr als Teil der Komfortzone begreifen, immer noch nicht wütend genug auf all das „Female-Washing“, mit dem unnötig Zeit und (Steuer-) Gelder verschwendet werden.

Ich überzeichne hier ganz bewusst, aber einer der wenigen Lichtblicke für mich in dieser Zeit war der Artikel von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, am Weltfrauentag, am 8. März in der FAZ am Sonntag. In diesem Artikel sagt er nicht nur: „Es ist an der Zeit mit dem Versuch aufzuhören die Frauen zu verändern und damit zu beginnen die Systeme zu verändern, die sie daran hindern ihr Potenzial zu entfalten“. Er sagt auch: „Auf von Menschen gemachte Probleme, gibt es auch von Menschen gemachte Lösungen. Unsere Welt ist in Not und das Schließen der Machtlücke zwischen den Geschlechtern ist ein wesentlicher Bestandteil der Antwort darauf.“

Wie wohltuend recht er hat. Aber, was muss passieren, damit wir kollektiv die Komfortzone verlassen? Damit wir in Frage stellen wie wir leben und arbeiten, damit wir anfangen davon zu träumen wie es aussehen kann, das gute Leben, für Frauen UND Männer – auf Augenhöhe?

Was bewirkt die mehr als überfällige Veränderung, die Systemveränderung? Das ist die Frage, die uns nicht zuletzt bei unserem female.vision Summit im letzten Jahr umgetrieben hat.

In der Corona-Krise wird die Systemfrage gestellt – was machen wir jetzt draus?

Während wir uns noch fragen, was passieren müsste, zieht ein hochansteckender Virus, der Corona – Virus, um die Welt. Er zwingt uns massiv dazu, unsere Komfortzone zu verlassen und vertraute Gewohnheiten und Annehmlichkeiten in Frage zu stellen. Social – Distancing ist das Gebot der Stunde. Wir lernen dabei aber nicht nur mit Angst und Unsicherheit umzugehen, wir merken auch, welche Bedeutung es hat Teil einer Gemeinschaft zu sein und Solidarität zu erfahren. Wir merken, worauf es im Leben wirklich ankommt und was wirklich wichtig ist. Wir merken, was alles möglich ist, wenn es alle wollen.

In der Corona-Krise stellt sich die Systemfrage, was machen wir nun draus? So schnell wie möglich wieder business as usual oder doch lieber business unusual?

Lasst uns was draus machen – gemeinsam

Lasst uns gemeinsam mutig neue Wege gehen, lasst uns die Impulse für eine Veränderung die gerade jetzt deutlich werden, aufnehmen, sichtbar machen und verstärken, damit wir eben nicht in alte Muster zurückfallen. Ich bin bereit und freue mich über weitere MitstreiterInnen.



Kommentare

  1. / von Paul von Preußen

    Danke für diesen offenen und schonungslosen Text, Frau von Wedel!

    1. / von Annette v. Wedel
      zu

      Das ist eine schöne Rückmeldung! Ja, wir müssen offen und schonungslos anfangen nicht nur über die Themen zu reden die sich verändern müssen sondern auch zu handeln. Sind Sie ein Mitstreiter? Das wäre schön. Verteilen sie den Beitrag gerne weiter an Menschen die das auch so sehen! Mit herzlichen Grüßen, Annette v. Wedel

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