#CampQ19

Wollt ihr wirklich mehr Frauen in Führung? Dann lasst uns die Systemfrage stellen!

Der nachstehende Blogbeitrag erscheint im Rahmen unserer Blogserie zum Camp Q 2019:

 

Ich habe es satt, die vielen Sonntagsreden, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern fordern oder zumindest als erstrebenswert in den Raum stellen. Die von Vielfalt sprechen, aber im Handeln die Einfalt befördern. Ich habe es satt mir das Lamentieren darüber anzuhören, dass Frauen sich nicht trauen, dass sie ermutigt werden müssen, oder, dass es noch mehr Maßnahmen und Programme braucht, um Frau endlich ausreichend zu qualifizieren.

Was ist denn da bloß los? Was für ein Bild von Frauen steckt denn bloß dahinter? Es scheint mir, als seien Frauen irgendwie mangelbehaftete Wesen, ein ewiger Reparaturfall, Sand im geschmeidigen Getriebe von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Wenn ich mich selber anschaue und auch die vielen gut ausgebildeten, hochqualifizierten, mutigen sowie kreativen Frauen, die ich zumindest kenne, dann stelle ich fest, dass da irgendetwas nicht stimmen kann.

Um herauszufinden, ob es nur mir so geht, stelle ich jetzt und hier laut die Frage: wollt ihr wirklich mehr Frauen in Führung? Wollt ihr wirklich eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in der Arbeitswelt? Wollt ihr das wirklich? Ernsthaft?

 

Dann lasst uns jetzt die Systemfrage stellen!

Die Systemfrage stellen heißt folgendes zu fragen: Könnte es sein, dass die stagnierende Zahl von Frauen in Führungspositionen und die nach wie vor nicht vorhandene gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern im Arbeitsleben NICHT ursächlich an den Frauen liegt? Könnte es sein, dass dies vielmehr an einem männlichen bzw. durch Männer geprägten System und dessen vorherrschenden Rahmenbedingungen und Strukturen liegt?

So zu fragen heißt, zu anderen Antworten zu kommen. Dann wird plötzlich deutlich, dass der wesentliche Grund, warum sich in Sachen gleichberechtigter Teilhabe nur wenig bewegt, nicht die mangelnde Qualifikation oder der fehlende Mut der Frauen ist. Ursächlich ist vielmehr ein vorherrschendes (männliches) System, an dessen Strukturen inklusive seiner ungeschriebenen Regeln im Hinblick auf Ausübung von Macht und Karriere, sicher nicht alle, aber sicherlich zu viele Frauen regelmäßig scheitern. Sie scheitern, weil in diesem (männlichen) System, das Potenzial, die Fähigkeiten von Frauen, häufig nicht erkannt bzw. wertgeschätzt werden und zum anderen, weil viele Frauen schlicht kein Interesse haben, in diesem System und bei diesen „Spielen der Macht“ mitzuspielen.

Ich bin nicht die einzige, die dieser Meinung ist. Mary Beard schreibt in ihrem sehr lesenswerten Buch „Frauen und Macht“: „Frauen lassen sich nicht einfach in Strukturen einpassen, die von Männern mit männlichen Vorzeichen kodiert sind.“ Auch Julia Schaaf, FAZ Redakteurin, beschwört in Ihrem aktuellen Artikel in der FAZ am Sonntag vom 20.01.2019 den notwendigen Kulturwandel in der Arbeitswelt, um zu vermeiden, dass Zeitnot Familien in den Wahnsinn treibt.

Denn „… die Fiktion des flexiblen, mobilen, allzeit verfügbaren Beschäftigten, die aus Zeiten stammt, in denen die Hausfrau ihrem Ernährergatten den Rücken freihielt, ist für die Wirtschaft bequem. Sie passt aber nicht in eine Welt, in der Frauen wie Männer Verpflichtungen jenseits ihres Berufs wahrnehmen wollen und müssen.“

Wenn das so ist, dann müssen wir doch ganz dringend aufhören zu versuchen, das Problem bei den Frauen zu suchen und zu lösen.

Photo by danedeaner on unsplash.com

Wir müssen das System und seine Strukturen infrage stellen und ändern!

Weil es immer besser ist, für anstatt gegen etwas zu sein, finde ich, dass es höchste Zeit ist in einem ersten Schritt eine Vision für eine Arbeitswelt zu entwickeln, die bestehendes radikal hinterfragt. Eine Vision, die aus weiblicher Sicht Spielregeln und Rahmenbedingungen beschreibt, die es Frauen ermöglichen, ihr spezifisches Potenzial zu entfalten und die die Übernahme von Macht und Verantwortung für Frauen attraktiver macht.

Diese Vision muss maßgeblich von Frauen entwickelt werden. Frauen, die es auch satthaben als irgendwie mangelbehaftet angesehen zu werden, als mutlos, die nicht leistungsfähig oder-willig sind. Frauen, die Lust haben für und nicht gegen etwas zu sein. Frauen, die dann in einem zweiten Schritt dafür sorgen, dass diese Vision öffentlich wird, gehört wird und vor allem umgesetzt wird. Schritt für Schritt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine solche Vision, die aus weiblicher Perspektive die Arbeitswelt der Zukunft beschreibt, und eine Veränderung anstößt, eine Arbeitswelt ist, die für Männer ebenfalls attraktiver ist, als das, was wir im Moment vorfinden. Wie Julia Schaaf in ihrem Artikel schreibt: „… wir leben in einer Welt, in der Frauen WIE Männer Verpflichtungen jenseits ihres Berufs wahrnehmen wollen und müssen“.

In der es auch für Männer eine erstrebenswerte Perspektive sein kann, wenn wir, wie Mary Beard erläutert, anfangen über Macht als etwas Gemeinschaftliches nachzudenken, „… nicht nur die Macht von Führern sehen, das damit verbundene öffentliche Prestige, sondern auch die Macht derer, die Ihnen folgen.“ Wenn Mary Beard über Macht nachdenkt, dann hat sie im Sinn, „… die Fähigkeit, effektiv zu sein, etwas zu bewirken, etwas in der Welt zu verändern, und das Recht, ernstgenommen zu werden, sowohl als Frauen insgesamt wie auch als Individuen.“ So verstanden wünsche ich mir Macht und ich denke, dass das nicht nur mir so geht.

Lasst uns also aufhören mit den Sonntagsreden und endlich anfangen zu handeln, und zwar zusammen!

Ich habe Lust dazu, werde mich auf den Weg machen und freue mich über MitstreiterInnen!



Kommentare

  1. / von Annekathrin Bethke

    Auf den Punkt gebracht! Vielen herzlichen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Die Betrachtungsweise über die Systemfrage und ingesamt es systemisch zu sehen, wird hoffentlich auf fruchtbaren Nährboden fallen! Weiter so!
    Auch Männer würden sich in einer Arbeitswelt mit ausbalancierten weiblichen und männlichen Qualitäten wohler fühlen.
    Die Generation, die jetzt oder in jüngerer Vergangenheit ins Berufsleben eintritt, darf nicht entmutigt werden, für einen neuen Entwurf eines Verständnis von Arbeiten bzw. vielmehr Zusammenarbeiten einzustehen. Eine Wirtschaftswelt mit vergleichendem Konkurrenzdenken, Lobbyismus, einzelnem Machtgehabe und fehlender Sinnhaftigkeit sollten bitte bald nur noch in den Geschichtsbüchern stehen.
    ONWARD!

    1. / von Annette v. Wedel
      zu

      Liebe Frau Bethke, haben Sie vielen Dank für diese ermutigende Rückmeldung! Es soll nicht bei diesem Blog-Beitrag bleiben, ich plane für den Herbst zusammen mit einer Partnerin das erste „Female Vision Summit“ zu veranstalten. Es soll eine Plattform bieten um genau eine solche female vision für die Zuskunft unseres Zusammenlebens und -arbeitens zu erarbeiten. Mehr Details hierzu hoffentlich ab März auf unserer Website http://www.female.vision

      1. / von Annekathrin Bethke
        zu

        Das klingt großartig. Ich bin dabei!
        Und wenn Sie Hilfe, Unterstützung oder eine Sparringspartnerin brauchen, kommen Sie gern auf mich zu. Solch‘ ein Projekt untersütze ich sehr, sehr gern.

  2. / von Laura Lazar

    Ich bin vom Beitrag voll begeistert. Danke sehr für diese klaren Worte. Mit jedem einzelnen Satz bin ich voll einverstanden. Nur wo anfangen? Das System zu verändern ist wie im Kern einer Kirsche zu beißen. Es wird weh tun. Ganz besonders den etablierten Männer. Für eine Veränderung die nachhaltig ist, braucht man kritische Masse. Und Frauen die sich verbünden, zusammenarbeiten und eine Vision gepaart mit einer Strategie haben und nicht aufgeben.

    1. / von Annette von Wedel
      zu

      Liebe Frau Lazar, haben Sie herzlichen Dank für diese ermutigende Rückmeldung. Bei meiner Antwort zum Kommentar unter 1. habe ich es schon gesagt, es soll von meiner Seite nicht bei dem Blogbeitrag bleiben. Plane im Herbst das erste Female Vision Summit um mit Frauen einen Plan zu machen und aktive Frauen zu vernetzen. Ab etwa März mehr dazu unter: wwww.female.vision

  3. / von Eva-Catrin Reinhardt

    Das ist ein toller Beitrag. Als Unternehmerin, die in den männlichen Machtmärkten tätig ist, spricht er mir aus der Seele. Anbei sende ich meine ungehaltene Rede für Davos, die ich nicht halten konnte, da mich niemand einlud.

    Und das Machtsystem muss verändert werden und das können nur wir Frauen, denn Männer stecken in ihren jahrelang erprobten Rangordnungen selber viel zu sehr drin. Am Ende wird es allen besser gehen.

    Dieses ist meine Rede in Davos (wenn man mich einlädt).
    Ich bin Eva-Catrin. Ich bin Architektin. Ich habe 2002 das Angestelltensystem verlassen, weil ich als Mutter von zwei kleinen Kindern in Deutschland keinen Job mehr fand. Ich habe mich dann selbstständig gemacht, weil ich weiter Anteil haben wollte an der Wirtschaft und nicht mein Sein nur auf mein zu Hause reduzieren wollte.
    Ich war sehr mutig und bewegte viele große Projekte vorwärts, aber ich war sehr oft mit Filz, Betrügereien, korruptiven Vorgängen und unlauteren Geschäftspartnern und Praktiken konfrontiert. Ich denke diese Erfahrung teile ich mit vielen Unternehmer*Innen.
    Ich wechselte deshalb die Branche zu Erneuerbaren Energien und entdeckte das Internet als Katalysator für mein Geschäft, aber auch für die Beschleunigung und Umsetzung der Energiewende. Ich habe das entdeckt, weil ich eine chronische Krankheit habe, und Methoden entwickeln wollte und musste, um weiter zu partizipieren.
    Weil ich mich mit meinen Mitmenschen und meinen Kindern sehr verbunden fühle, betrachte ich Vieles auf unserer wunderschönen Welt mit zunehmender großer Sorge.
    Wir haben ein vollkommen unsinniges Diktat einer Maximalprofitökonomie und eine Wirtschaft, die wie ein Kampfplatz organisiert ist.
    Das Vertrauen ist verloren gegangen, kaum einer hilft sich gegenseitig und jeder versucht an jedem sein Maximum zu erbeuten mit diesen Folgen:
    Klimakrise, die Ungleichheit, kollektives emotionales Burnout, die Position für uns Frauen, von Kinderehen, über sexuelle Ausbeutung, bishin zu den 2 Millionen alleinerziehenden Müttern, die von Armut bedroht sind, allein in Deutschland, Unruhen und Polarisierungen in der Bevölkerung, Finanzkrise, Plastikproblem, Umweltkrise.
    Und doch : Es gibt schon alles, um eine nachhaltige Welt herzustellen und alle Probleme zu lösen. Es gibt die Technik, die Methoden, die Menschen und das Kapital.
    Das Kapital ist nur teilweise nicht am Platz an dem es maximal positiv wirken könnte.
    Und der Impuls und die Entscheidung wirklich anzufangen und sein Sein dem Ziel einer nachhaltigen Welt mit maximaler Kraft zu widmen fehlt.
    Fast jede oder jeder, vom Arbeiter bis zum Vorstand, sitzt in seinem Hamsterrad und probiert : NICHTS oder VIEL ZU WENIG angesichts der Möglichkeiten.
    Und ich finde damit sollte Schluss sein.
    Wir brauchen ein Reset in der Wirtschaftswelt!
    Lasst uns den Kampfplatz in ein Kooperationsfeld verwandeln.
    Lasst uns den Homo Economicus vergessen, sondern die Wirtschaft dem Menschen untertan machen und nicht umgekehrt. Lasst und Märkte für die Umsetzung einer nachhaltigen Welt entwickeln, indem wir den Zugang zu Geschäftschancen, Kapital und Unternehmertum radikal vereinfachen. Lasst uns junge kreative Menschen ausbilden, die ihren Weg selbstbestimmt gehen und ihr Potential entfalten dürfen.
    Lasst uns auf Werte setzen, auf Freiheit, Gemeinsinn und Würde.
    Lasst uns die künstliche Intelligenz für den Frieden nutzbar machen.
    Lasst uns Fragen stellen, Dialoge beginnen und gemeinsam eine neue Welt kreieren.
    Lasst uns einfach einmal einen Tag die Sache anhalten, an die Decke schauen und nachdenken, was wir da alle eigentlich machen und danach lasst uns in den Himmel schauen, Antworten finden und kreieren, was möglich ist.
    Lasst uns uns selber eine wesentliche Frage stellen:
    Wie wäre unsere Welt, wenn die Liebe unsere größere Dimension ist?
    Und bitte lasst mich nicht mehr weiter mit dieser Frage alleine. Ich kann sie alleine nicht beantworten.
    Vielen Dank!
    Eva-Catrin Reinhardt
    #Ihope #Iwork #togethertowardssustainability #Eva´svoiceindavos

  4. / von Christine Radomsky

    „Ursächlich ist vielmehr ein vorherrschendes (männliches) System, an dessen Strukturen inklusive seiner ungeschriebenen Regeln im Hinblick auf Ausübung von Macht und Karriere, sicher nicht alle, aber sicherlich zu viele Frauen regelmäßig scheitern.“ Ja. Wie wäre es, wenn wir „Macht über Menschen“ (Control & Command) immer mehr durch „Macht mit Menschen“ (kooperative Führung, Co-Creation, Empowerment) ablösen würden? Dieses Prinzip fördert in erster Linie gestaltungswillige Frauen mit Weitblick, aber auch solche Männer, die an der egoistischen und empathiearmen Ausrichtung des Mainstreams in Wirtschaft und Gesellschaft leiden. Und zusätzlich zur Veränderung von Prinzipien und Strukturen plädiere ich dafür, dass wir alle – Frauen wie Männer – mehr Verantwortung für unsere Seele, unsere Selbstführung und die Folgen unserer Handlungen übernehmen. Herzlichen Dank für die klaren Worte!

Kommentar verfassen