#CampQ19

Wo die Risse sind, kommt das Licht hinein: Über Mut und Authentizität in Organisationen

Der nachstehende Blogbeitrag erscheint im Rahmen unserer Blogserie zum Camp Q – Die Leadership Konferenz für Querdenker (10. April in Berlin):

2016 ist der Singer-Songwriter Leonard Cohen von uns gegangen, den meisten Menschen bekannt durch die vielen Coverversionen seines Welthits „Hallelujah“. In den Tagen nach seinem Tod teilten Menschen in den sozialen Medien vermehrt Bilder mit Auszügen aus seinen Texten, in erster Linie diesen Part aus dem Lied Anthem:

Forget your perfect offering

There is a crack, a crack in everything

That´s how the light gets in

Ich bin fest davon überzeugt, dass Organisationen gut daran täten, diesen Rat von Cohen zu befolgen. Die meisten Unternehmen versuchen, ein Bild der Perfektion zu vermitteln, in Richtung der verschiedenen externen Stakeholder, aber auch in Bezug auf die eigenen Mitarbeiter. Dies erzeugt eine Menge Druck, denn ein solches Image ist nur schwer aufrechtzuerhalten. Diese Belastung entsteht auf zweierlei Art:

Da ist zum einen die schiere Unmöglichkeit der Aufgabe. Perfektion ist unerreichbar. Sie ist ein Ziel, welches sich von uns fortbewegt, wenn wir ihm näherkommen, sie ist ein Fass ohne Boden. Zum anderen glaube ich, dass sich durch das geforderte Streben nach Perfektion eine innere Spannung in den Mitarbeitern aufbaut. Menschen mit einem Übermaß an Narzissmus einmal außenvor gelassen, wissen die meisten Personen recht gut um ihre Stärken und Schwächen, ihre Möglichkeiten und Grenzen. Ebenso besteht dieses Wissen in einem gewissen Umfang in Bezug auf Kollegen, Vorgesetzte und Top-Führungskräfte der Organisation. Insofern ist jedem Mitarbeiter jederzeit klar, dass die angestrebte Perfektion immerwährend ein Trugbild bleiben muss.

Trotzdem verlangen Organisationen, dass ihre Mitarbeiter dabei helfen, solche Trugbilder aufrechtzuerhalten. Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ wird erwartet, dass alle den schönen Schein bewundern, während der Kaiser in Wahrheit nackt ist – und sie verstehen auch, dass sie selber es sind, die das Trugbild am Leben erhalten.

Mut

Das Unmögliche wird noch unmöglicher

Es wird zunehmend anstrengender für Organisationen, das Trugbild der eigenen Perfektion zu bewahren. Bis vor etwa 30 Jahren hatten diese noch ein hohes Maß an Kontrolle über ihr Außenbild. Abseits weniger Ausnahmen gelangte nur das an die allgemeine Öffentlichkeit, was man selbst preiszugeben bereit war. Die heutige Zeit, geprägt von Smartphones, dem mobilen Internet inklusive sozialen Medien und Bewertungsplattformen, macht es Organisationen nahezu unmöglich, ihre strahlende und makellose Hülle zu bewahren. Diese neue Form der Transparenz wirkt auch im Inneren. Konnten sich höhere Führungskräfte früher noch einigermaßen abschotten, um den Nimbus der Unfehlbarkeit beizubehalten, so verlangen sich verändernde Wertesysteme und ein moderneres Führungsverständnisse größere Nähe und erweiterte Zugänglichkeit.

Das Aufrechterhalten der trügerischen Perfektion kostet Organisationen eine Unmenge an Ressourcen. Nach außen wenden große Unternehmen Unsummen auf, um durch Marketing und Public Relations ein übertrieben positives Bild von sich zu vermitteln. Auch im Inneren der Organisation wenden Mitarbeiter viel Energie auf, um den schönen Schein zu wahren. Da selbstverständlich trotzdem Missgeschicke und Fehler vorkommen, werden zusätzliche Ressourcen darauf verschwendet, dafür zu sorgen, dass diese Unvollkommenheit nicht auf einen selbst bzw. die eigene Abteilung zugeführt werden kann („Cover my Ass“-Kultur). All diese Ressourcen fehlen dort, wo sie einen tatsächlichen Nutzenstiften könnten: Bei der Verbesserung der Produkte und Services – oder wenigstens der internen Kommunikationskultur.

Wie soll ich dir vertrauen, wenn ich doch genau weiß, wie ahnungslos du bist?

Dieses Vorgehen führt darüber hinaus zu einer schwelenden Vertrauenskrise im Inneren der Organisation: Wie sollen Mitarbeiter ihren direkten Führungskräften und dem Top-Management vertrauen können, wenn die unterliegenden Ebenen doch durch ihr eigenes Handeln allzeit dafür sorgen, dass die übergeordneten Ebenen mangels authentischer Informationen kaum in der Lage sein können, sinnvolle Entscheidungen zu treffen? Wie soll ich einem Busfahrer vertrauen, dem ich doch selbst täglich die Augen verbinde?

Eine Lösung für das Problem wird in Andersens Märchen vom nackten Kaiser bereits angedeutet – sie lautet: Transparenz. Spontanes, ehrliches Feedback! Dieses anzunehmen erforderte allerdings eine gehörige Portion Mut: In den Führungsebenen bräuchte es den Mut anzuerkennen, dass wir alle – und damit auch alle Organisationen dieser Welt – ein gutes Stück weit nackt sind. Auf den unteren Ebenen erforderte es den Mut anzuerkennen, dass man bislang selbst daran mitgewirkt hat, die Täuschung aufrechtzuerhalten, wir seien es nicht. Nach dieser „Ent-Täuschung“ könnte man sich dann auch nicht mehr – den Finger auf Führungsetagen gerichtet – aus der Verantwortung ziehen. Stattdessen könnte man gemeinsam daran arbeiten, eine authentischere Form der Kommunikation entstehen zu lassen, im Innen wie im Außen.

Ich vermute, dass in der Folge auch eine Herausforderung abgemildert würde, mit der sich Unternehmen in unserer Zeit zunehmend konfrontiert sehen: Der allgegenwärtigen „Shitstorm“- und Empörungskultur. Ich bin überzeugt: das Gros der Menschen hätte großes Verständnis für die Tatsache, dass Organisationen und deren Mitarbeiter immer auch Fehler machen. Wie sollte es auch anders sein, sie kennen diese Tatsache aus dem eigenen In-der-Welt-Sein. Wenn Unternehmen zuvor jedoch alles dafür getan haben, um über diese Tatsache hinwegzutäuschen, dann ist die Eruption von Wut und Empörung durchaus nachvollziehbar.

Photo by Free-Photos @ pixabay.com

Die Schönheit des Makels

Vielleicht können sich Unternehmen ein Beispiel an einem Kosmos nehmen, in dem es nicht minder um die Bewahrung des schönen Scheins geht: die Welt der Models. Auch hier sind es jene Protagonistinnen, die gerade nicht alles glatt- und wegbügeln, was nicht dem Anschein der Perfektion entspricht. Was wäre Brigitte Bardot ohne die kleine Zahnlücke, was wäre Cindy Crawford ohne den weltberühmten Leberfleck, oder Giselle Bündchen ohne die etwas zu groß geratene Nase? Alle diese kosmetischen Besonderheiten wären leicht zu beheben gewesen, aber diese Frauen haben sich bewusst dagegen entschieden und gerade dadurch ihren Erfolg beflügelt.

Leonard Cohen sang davon, dass das Licht dort eindringe, wo die Risse in den Dingen sind. Genauso dringt es an jenen Stellen allerdings auch von innen nach außen. Und strahlen, das möchte am Ende des Tages doch jede Organisation…



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