Motivation

Blog-Serie — Motivation ist machbar … aber anders als viele denken | Teil 3

Balance oder Burnout – welche Rolle spielt die Neurotransmitter-Homöostase?

Wir können zwar unser Verhalten an unterschiedliche situative Anforderungen anpassen, aber Verhaltensweisen, die nicht unserer Biostruktur entsprechen, sind dauerhaft nur schwer aufrechtzuerhalten.


 

Das Nachrichtenmagazin Focus veröffentlichte bereits 1994 einen Artikel, der sich ein bisschen wie Science-Fiction las: „Glück auf Rezept – Psychoaktive Substanzen versprechen mehr Selbstbewusstsein, besseren Sex und höhere Intelligenz. Können wir alle demnächst unsere Persönlichkeit designen?“

Der Grund für diese Euphorie war die Einführung eines neuartigen Wundermittels in den USA: Prozac. Mit Prozac (ab 1990 unter dem Namen Fluctin auch in Deutschland erhältlich) gelang es, Depressionen und Zwangsstörungen wirksam zu behandeln. Das Präparat Fluctin (ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) beeinflusste direkt bestimmte Gehirnbotenstoffe (Neurotransmitter) und führte so zu beachtlichen Behandlungserfolgen. Weil es außerdem eine antriebssteigernde Wirkung besaß, wurde es in den USA bald als „Yuppie-Droge“ gefeiert.

Vielleicht tauchte deshalb auch schnell die Idee auf: Was wäre, wenn sich mit derartigen psychoaktiven Substanzen auch das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit gesunder Menschen gezielt verbessern ließe? Statt wie bisher vor allem Medikamente zur Heilung von Menschen zu entwickeln, wurde nun untersucht, inwieweit sich alltägliche Probleme wie Schüchternheit, zu starke Sensibilität/Empfindsamkeit, zu starkes oder zu schwaches Selbstwertgefühl oder auch Konzentrationsstörungen gezielt mit Medikamenten beeinflussen beziehungsweise beseitigen lassen.

Allerdings wurde durch weitere Forschungsergebnisse in den vergangenen Jahren immer deutlicher, wie komplex das Zusammenspiel der verschiedenen Neurotransmitter, Modulatoren und Rezeptoren ist. Gregor Laakmann, Professor an der Psychiatrischen Uniklinik München, bringt diese Problematik anschaulich auf den Punkt: „Die Wunschvorstellung, die Persönlichkeit eines Menschen gezielt durch Eingriffe in das eine „oder andere Transmittersystem zu verändern, ist simpel, das Hirn ist es leider nicht.“ Auch wenn noch nicht alle Vorgänge hinsichtlich der Wirkungsweise und des Zusammenspiels der Neurotransmitter entschlüsselt sind, zeichnet sich doch ein klarer Zusammenhang zwischen bestimmten Neurotransmittern und damit verbundenen menschlichen Sicht- und Verhaltensweisen ab.

Die Erkenntnisse um das Zusammenspiel und die Wirkungsweise der Neurotransmitter sind der Schlüssel für den individuell unterschiedlichen Einfluss der drei Hirnbereiche. So kann nicht nur erklärt werden, warum bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mehr oder weniger stark ausgeprägt sind, sondern auch, wie und in welchem Rahmen wir unser bevorzugtes Verhalten situativ anpassen können.

Stellen Sie sich dazu einmal folgende Situation vor: Sie sind mit Ihren Kindern auf einem Sommerfest. An einem Getränkestand treffen Sie auf eine Gruppe junger Männer, die offenbar schon einigen Alkohol intus haben, frech werden und Sie zu provozieren versuchen. Falls Sie einen hohen Ausgangswert der genannten Neurotransmitter haben, werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit entweder mit einem lockeren Spruch kontern („Die Burschen wollen sich doch nur beweisen!“) oder sofort aggressiv reagieren („So geht das nicht, die können was erleben!“).

Bei einem geringen Ausgangswert dieser Neurotransmitter werden Sie völlig anders reagieren: Sie werden die Situation als Bedrohung empfinden; die entsprechenden Neurotransmitter werden zum Auslösen entsprechender Verhaltensweisen nach oben geregelt. Mit pochendem Herzen und hohem Puls werden Sie versuchen, die Pöbelei zu ignorieren, sich umdrehen und weggehen – oder Sie überwinden ihre Angst und drohen den Jungs, den Ordnungsdienst zu rufen, „wenn das nicht aufhört!“ Erleichtert, die Bedrohung gemeistert zu haben, sinkt zugleich auch Ihr Stresslevel.

Wir können zwar unser Verhalten an unterschiedliche situative Anforderungen anpassen, aber Verhaltensweisen, die nicht unserer Biostruktur entsprechen, sind dauerhaft nur schwer aufrechtzuerhalten. Starke Anpassungsleistungen erleben wir als stressig und belastend.

Bei kurzfristigem Abweichen vom Gleichgewichtsniveau unserer individuellen Biostruktur führt die Neurotransmitter-Homöostase automatisch zur Rückkehr zu den veranlagten Grundmustern (Fließgleichgewicht). Die genetisch veranlagten Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen bleiben unser ganzes Leben lang stabil.

Wenn wir willentlich versuchen, uns Verhaltensweisen anzutrainieren, die der eigenen Biostruktur zuwiderlaufen, müssen wir sehr viel Energie aufwenden, was uns unter hohen psychosozialen Stress setzt. So muss eine hohe Arbeitsbelastung nicht zwangsläufig für jeden ein Problem darstellen – ganz im Gegenteil! Wenn Mitarbeiter in dem, was sie tun, Spaß und Erfüllung finden, erleben sie einen hohen Workload als sinnstiftend und befriedigend, sie gehen in ihrer Aufgabe auf und genießen Flow-Erlebnisse.

Ganz anders sieht es aus, wenn wir über einen langen Zeitraum Tätigkeiten verrichten müssen, die unserer Biostruktur zuwiderlaufen. Sicherlich ist es kein Problem, kurzfristig mal die Zähne zusammenzubeißen – auf Dauer aber eben schon. Wie wir bereits kurz angerissen haben, führt ein dauerhafter hoher Energieaufwand zu chronischem psychosozialem Stress, der zu psychischen und psychosomatischen Störungen wie zum Beispiel Burnout führen kann.

Vor diesem Hintergrund erhält der Begriff „Authentizität“ eine besondere Bedeutung: Wer sich authentisch verhält, bewegt sich auch im Rahmen seiner individuellen Biostruktur, benötigt weniger Energie zur Aufrechterhaltung seines inneren Gleichgewichts und erlebt dementsprechend weniger psychosozialen Stress. Authentizität bedeutet, im Einklang mit sich selbst, also mit seiner individuellen Biostruktur zu handeln und ist eine zentrale Voraussetzung für persönlichen Erfolg und Lebensfreude. Ähnlich wie bei einem Computer sollten auch bei uns Menschen die „aufgespielten (erlernten) Programme“ zum „Betriebssystem“, unserer individuellen Biostruktur, passen; sonst kann es zu Funktionsstörungen oder gar zum Totalausfall des gesamten Systems kommen.

Für die individuelle Erfolgsstrategie ist es daher unverzichtbar, das eigene „Betriebssystem“ zu kennen und zu verstehen, denn nur dann können wir bewusst entscheiden, welche Erfolgsprogramme bei uns funktionieren. Es ist eben nicht nur eine Frage von Willenskraft und Selbstdisziplin, ob wir ein Ziel erreichen. Im nächsten Beitrag dieser Serie werden wir genauer betrachten, wie unsere individuelle Motivation entsteht und welche entscheidende Rolle Neurotransmitter dabei spielen.

 

Lesen Sie im nächsten Beitrag:
Was Menschen wirklich antreibt – kommt wahre Kraft von innen?


 

Die bereits veröffentlichten Blog-Beiträge dieser Serie finden Sie hier:

Auftakt Motivation ist machbar … aber anders als viele denken
Teil 1 Wie werden Menschen so wie sie sind – und können wir sie überhaupt verändern?
Teil 2 Der genetische Code unserer Persönlichkeit – welche stabilen Grundmuster gibt es und warum sind sie so wichtig?

____________________________

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch:
„Sei du selbst, sonst geht’s dir dreckig – warum Erfolg nicht mit Patentrezepten, sondern nur individuell machbar ist.“ von Ralf China und Juergen Schoemen



Kommentar verfassen